Stipendium: Vierte Absage von Stiftungen

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Agriwis
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Re: 4. Stiftungsabbsage...

Beitrag von Agriwis » 10.11.2017, 01:47

Wierus hat geschrieben:
Eva hat geschrieben:Mein Fazit: Es wäre vermutlich besser gewesen, nicht zu promovieren. Okay, es hat stellenweise richtig Spaß gemacht und ich bin jetzt in einem Bereich, in dem es mir sicher nicht schadet, den Titel zu haben (allerdings gibt es durchaus auch Kollegen auf meiner Stufe, die nicht promoviert sind).
Kleine Verständnisfrage: Heißt das also, dass die anderen Kollegen auf deiner Stufe mehrheitlich promoviert sind? Dein "durchaus auch" klingt nämlich sehr danach; und das würde darauf hindeuten, dass du zwar nicht nur, aber eben doch auch aufgrund deiner Promotion auf diese Stelle gelangt bist.
Ich denke, das kann auch einfach bedeuten, dass sich mehrheitlich Leute mit Promotion drauf bewerben. Also wenn es, vereinfacht gesagt, 10 stellen gibt und sich 70 mit und 30 ohne Promotion drauf bewerben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens 7 der genommenen promoviert sind, wohl relativ hoch. Das hat, denke ich aber, nicht zwingend damit was zu tun, dass man ohne Promotion quasi keine Chance hat. Das ist ja bei anderen Faktoren nicht viel anders. Auch wenn einem Arbeitgeber das Geschlecht völlig egal wäre, wenn sich auf einen Job 100 Männer und eine Frau bewerben, ist es halt relativ wahrscheinlich, dass der Job an einen Mann geht und müsste ausnahmsweise mal nicht unbedingt was mit Diskriminierung zu tun haben.

Ich bin jedenfalls auch der Meinung, dass eine Promotion in erster Linie bei ausgeprägten wissenschaftlichen Interesse angegangen werden sollte und ich selber kann dieses Mitleid (?) („ach ja, in deinem Fach muss man ja promovieren! Gut, dass ich xy studiert habe“) auch echt nicht mehr hören!
Man glaubt es kaum, aber ja, es gibt tatsächlich Leute, die nicht aus falschem Pflichtgefühl promovieren wollen, sondern die sogar Interesse an dem Fach, welches sie 5-6 Jahre studierten, haben. Man munkelt sogar, es gibt Leute, die dafür brennen und wirklich aus Überzeugung promovieren wollen. Ich möchte jedenfalls kein Mitleid! Ich fühle mich nicht im geringsten Bemitleidenswert, eher das Gegenteil.
Und mal ehrlich, jemand der vor der Promotion jahrelang erfolglos nach Jobs gesucht hat wird es mit Promotion auch nicht plötzlich einfach haben. Es gibt halt leider einfach etliche Studienfächer, welche entweder völlig überlaufen oder kaum wirtschaftliche Relevanz haben und da ändert leider auch die Promotion kaum etwas (außer dass sie einem die Möglichkeit der wissenschaftlichen Kar­rie­re öffnet). Das ist doch unsinnig zu glauben! Statt also auch noch eine Promotion und in besonders krassen Fällen sogar noch einen Post Doc dran zu hängen, was einem nicht mal sehr viel Freude bereitet hat, sollte man sich doch eher darüber Gedanken machen, wie man der freien Wirtschaft wirklich etwas bieten kann. Häufig sind das dann halt eher irgendwelche Zusatzqualifikation (die natürlich mit Bedacht ausgewählt werden sollten). Ist halt leider so. Ich würde mir ja auch wünschen, dass es für Archäologen, Verhaltensbiologen oder Kunsthistoriker mit und ohne Promotion einen großen Markt gibt.
Klar, die Promotion wird meistens auch nichts verschlechtern, aber es sind dann halt einfach nochmal etliche Jahre, in denen man kaum eingezahlt hat und die meiner Meinung nach größtenteils verschwendet waren, wenn man nicht wenigstens leidenschaftlich promoviert hat.

Aber auch noch zum Thema: also mich wundert es ja wirklich, dass du bei der FES anscheinend bereits in der 1. Runde rausgeflogen bist. Das ist, bei der kurzen Beschreibung von dir hier, eigentlich sehr außergewöhnlich. Mit einem Schnitt von 1,3 und „super sozialen Engagement“ sollte man diese eigentlich mit links überstehen. Eigentlich kann es in diesem Fall fast nur am sozialen Engagement liegen. Das ist halt wirklich KO-Kriterium, während das Promotionsthema in der 1. runde kaum von Belang ist. Ich kann es so aus der Ferne natürlich nur schwer beurteilen, aber offenbar scheint es entweder nicht ansatzweise so „super“ zu sein oder du hast es sehr schlecht verkauft...

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Re: 4. Stiftungsabbsage...

Beitrag von Wierus » 10.11.2017, 02:18

Wer 5+ Jahre an einer Dissertation hockt, ohne Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten zu haben, der ist definitiv selber schuld. Und das schreibe ich nicht ohne eine gewisse Häme, denn ich finde es ist schon hart genug, auch wenn es einem liegt. :wink:

Zu deinem Beispiel: ein Job für den sich 70% Promovierte bewerben? Das entspricht doch im Grunde meiner Frage an Eva, denn in dem Fall wäre sie ja eine von diesen 70%. Was mag das wohl für ein Job sein? Nicht etwa einer, bei dem es in der Stellenanzeige z.B. heißt "Promotion erwünscht" oder für den man ein Fach studiert haben müsste, bei dem die Promotion den inoffiziellen Regelabschluss darstellt... ?

OT:
Zum Problem der TE kann ich im Übrigen nur sagen, dass ich mich damals zwar nicht um ein Stipendium beworben, aber mehrfach gehört habe, dass das häufig wie eine Art Lotterie funktioniert - mit einer Gewinnchance von 10%. Aber Vorsicht: Hörensagen!

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Re: 4. Stiftungsabbsage...

Beitrag von Eva » 10.11.2017, 10:29

Wierus hat geschrieben:Kleine Verständnisfrage: Heißt das also, dass die anderen Kollegen auf deiner Stufe mehrheitlich promoviert sind? Dein "durchaus auch" klingt nämlich sehr danach; und das würde darauf hindeuten, dass du zwar nicht nur, aber eben doch auch aufgrund deiner Promotion auf diese Stelle gelangt bist.
Wierus hat geschrieben:Zu deinem Beispiel: ein Job für den sich 70% Promovierte bewerben? Das entspricht doch im Grunde meiner Frage an Eva, denn in dem Fall wäre sie ja eine von diesen 70%. Was mag das wohl für ein Job sein? Nicht etwa einer, bei dem es in der Stellenanzeige z.B. heißt "Promotion erwünscht" oder für den man ein Fach studiert haben müsste, bei dem die Promotion den inoffiziellen Regelabschluss darstellt... ?
@Wierus: Ja, die meisten anderen Kollegen in meiner Institution und auf meiner Stufe sind promoviert. Und tatsächlich ist mir der Einstieg in den Bereich (Bibliothekswesen) auch und wegen meiner damals laufenden Promotion (in Geschichte) gelungen, als Wissenschaftliche Hilfskraft auf einer halben Stelle, die ja explizit für Doktoranden gedacht ist. Es hat mir also sicher nicht geschadet, sondern im Gegenteil geholfen, zu promovieren, um den Einstieg zu finden. Für die weitere Beschäftigung war dann aber eher entscheidend, dass ich vorher gute Arbeit gemacht habe und eben schon da und bekannt war. Für die Zukunft relevanter als die abgeschlossene Promotion sehe ich den mir aktuell noch fehlenden beruflichen Abschluss im Bibliothekswesen (Master, alternativ zum Staatsexamen nach Referendariat). Es ist zwar schön, promoviert zu sein, da viele andere auf der Stufe das wie gesagt auch sind, das alleine reicht aber nicht. Und ich frage mich inzwischen, ob man die Promotion tatsächlich zwingend benötigt, um in den Bereich zu kommen. Allerdings wäre es dann besser, schon als studentische Hilfskraft einzusteigen. Ich war relativ spät dran mit dem Einstieg und an der Stelle hat die Promotion geholfen.

Ich denke, mein Beispiel zeigt, dass die Promotion in solchen Bereichen wie meinem durchaus helfen kann, aber nicht unbedingt alleine ausmacht, ob man sich im gewählten Feld etablieren kann (in Form einer festen Stelle). Wenn ich mir im Vergleich dazu @Jalas Fall ansehe, dann ist sie einfach nochmal ein paar Jahre älter und schreibt zumindest nichts davon, dass sie in dem Bereich, in den sie will, schon Erfahrung hat. Ich sehe nicht, dass sich ihre Chancen allein und vor allem durch die Promotion wesentlich verbessern, denn bei deren Abschluss ist sie 35+ und hat möglicherweise keinerlei relevante Berufserfahrung aufzuweisen. Letzteres würde durch Promovieren mit Stipendium ja auch nicht besser. Und dann kommt eben noch der Kinderwunsch ins Spiel, der ihr auch nicht unbegrenzt Zeit lässt, jetzt gute Jahre mit dem Promovieren zu "verschwenden".
Agriwis hat geschrieben:Und mal ehrlich, jemand der vor der Promotion jahrelang erfolglos nach Jobs gesucht hat wird es mit Promotion auch nicht plötzlich einfach haben.
Im Gegenteil! Nach meiner Erfahrung verschlechtert man seine Chancen unter Umständen sogar, wenn man sich zwar mit Promotion, aber ohne relevante Berufspraxis (dh. in dem Bereich, in den man will) bewirbt. So landet man schnell in der Falle "formal überqualifiziert" (weil man einem fertig Promovierten keine Einsteigerstelle geben will oder sogar nicht darf, wie das bei WissHK-Stellen der Fall ist) und gleichzeitig traut einem der potenzielle Arbeitgeber den Job auf einer Stufe, für die die Promotion passen würde, mangels Erfahrung nicht zu.
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Re: 4. Stiftungsabbsage...

Beitrag von Agriwis » 10.11.2017, 12:28

Wierus hat geschrieben:
Zu deinem Beispiel: ein Job für den sich 70% Promovierte bewerben? Das entspricht doch im Grunde meiner Frage an Eva, denn in dem Fall wäre sie ja eine von diesen 70%. Was mag das wohl für ein Job sein? Nicht etwa einer, bei dem es in der Stellenanzeige z.B. heißt "Promotion erwünscht" oder für den man ein Fach studiert haben müsste, bei dem die Promotion den inoffiziellen Regelabschluss darstellt... ?
Ja, genau darum geht es mir! In den Stellenanzeigen steht nicht nur drin „Promotion erwünscht“, sondern auch x Jahre einschlägige Berufserfahrung und zig tausend andere Sachen die der Arbeitgeber gerne hätte.
In der Biologie und auch in der Chemie, ist es halt einfach nicht leicht eine Stelle zu finden. Weder mit, noch ohne Promotion! Ich wiederhole mich: wer ohne Promotion ewig lange erfolglos (das heißt auch ohne viele Vorstellungsgespräche) gesucht hat, wird es sehr wahrscheinlich mit Promotion auch nicht einfach haben, auch wenn die Promotion der „inoffizielle Regelabschluss“ ist *kotz*.
Nach meiner Erfahrung kommt es auch gerade in den Fächern auf andere Qualifikationen an. Ich kenne auch in der Chemie und der Biologie viele Leute die es ohne Promotion auf eine gescheiten Industriestelle geschafft haben, einfach weil sie gut waren oder entsprechende Erfahrung hatten. Und Leute die es trotz Promotion und Post Doc nicht schaffen!
In meiner Umgebung gibt es viele Leute, die ihrer Umwelt gerne eintrichtern, dass man in Chemie und Biologie ja promovieren MÜSSE um irgendwie einen Job zu bekommen und ja, viele von denen promovieren tatsächlich mehrere Jahre lang ohne Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten! Es gibt sogar manche, die sich, nachdem sie sich durch ihre „langweilige“ Promotion gequält haben, allen Ernstes noch einen Post Doc dranhängen, in der Hoffnung damit für die freie Wirtschaft perfekt gerüstet zu sein :roll:.
Aber die meisten Leute in meinem Umfeld, die dieses Gerücht verbreiten, haben sich gar nicht erst mit Jobs in der Wirtschaft auseinandergesetzt, geschweige denn beworben! Viele Chemiker und Biologen fangen doch einfach die Promotion an, weil das am einfachsten ist (und in der Regel auch auf einer WiMa stelle erfolgt). Ein Freund von mir z.B. dem hat sich die Promotionsstelle nahezu aufgedrängt. Kurz vorher hat er noch gesagt, dass er für nichts auf dieser Welt promovieren möchte und den ganzen Kram so schrecklich langweilig findet. Letztlich hat er sich nie ernsthaft um andere Jobs bemüht und keine einzige Bewerbung geschrieben, erzählen tut er aber überall, dass er halt einfach keinen Job gefunden habe, weil er ja nicht promoviert habe. Jetzt ist er seit ein paar Monaten am promovieren und liegt mir fast täglich in den Ohren, wie langweilig sein Thema doch sei. Neulich fragte ich, ob er schon einen Plan für nach der Promotion hätte. Er sagte, er hätte intensiv nachgedacht und wahrscheinlich wäre es am sinnvollsten dann nach einer Post Doc stelle zu suchen... was soll man dazu noch sagen/denken? Ich bin mir auch sicher, dass er nicht einmal ein äußerst bescheuerter Einzelfall ist.
Aber wenn solche Leute lieber promovieren, statt wenigstens mal Stellenausschreibungen zu lesen, dann ist es doch wohl wirklich kein Wunder, dass sich das Gerücht, die Promotion wäre der „inoffizielle regelabschluss“ wacker hält, oder? Eben weil es dadurch dazu kommt, dass sich 70% der Leute mit Promotion bewerben.
Ich bleibe trotzdem bei meiner Meinung, dass einige der 30% nicht chancenlos sind und dass die meisten, die vor der Promotion chancenlos waren, es auch nach der Promotion sein werden. Viel sinnvoller wäre es in meinen Augen sich über seine wahren fehlenden Qulifikationen Gedanken zu machen und manchmal kann es leider auch einfach bedeuten, sich eingestehen zu müssen, dass man anscheinend am Arbeitsmarkt vorbeistudiert hat.

Aber bevor ich hier alle Biologen und Chemiker über einen Kamm Schere: es gibt selbstverständlich auch genug, die wirklich aus wissenschaftlichen Interesse promovieren! Sehr viele wahrscheinlich und auch das trägt zum Gerücht des „inoffiziellen Regelabschlusses“ bei.

Noch ein Beispiel: In diesem Thread (viewtopic.php?t=4928) versuchte sogar ernsthaft eine Person in einer Bewerbung ihre Motivation für eine Promotion ausschließlich mit dem Regelabschluss zu begründen... :roll:

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Re: 4. Stiftungsabbsage...

Beitrag von Wierus » 10.11.2017, 16:07

Interessante Antworten, die der TE dabei helfen können, sich zu entscheiden; und das ganz ohne negative Zwischentöne.

@Agriwis: Warte doch einfach ab, wie dein Freund - falls er dabei bleibt - nach ein paar Jahren die Dinge sieht. :wink:

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Re: Stipendium: Vierte Absage von Stiftungen

Beitrag von zombie777 » 03.12.2017, 15:19

Ich würde den früheren Beiträgen beipflichten, wollte aber noch etwas erwähnen. Und zwar, zumindest als ich mich (vor ca. 8 Jahren) um ein KAS-Stipendium beworben habe, gab es eine Altersgrenze. Man konnte damals nicht älter als 30 Jahre sein. Vielleicht wurde das inzwischen abgeschafft, das kann ich nicht wissen und habe keine Lust zu googeln, man sollte das aber prüfen, um keine Zeit für sinnlose Bewerbungen zu verlieren.

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