Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

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Sunny_2008
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Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von Sunny_2008 » 24.10.2017, 18:29

Hallo ihr Lieben!

Ich schreibe einfach mal. Ich weiß gerade nicht, wohin die Reise bei mir gehen soll oder ob ich in der Sackgasse stehe.

Zu meiner Situation:

Ich bin Doktorand ein paar Wochen vor Abgabe. Meine Arbeit war vollfinanziert, die Stelle läuft aber bald aus und kann nicht verlängert werden. Ich werde also mit Einreichung der Diss auch eine Nummer beim Arbeitsamt ziehen. Das ist natürlich deprimierend und kaum motivierend. Ich habe mir zwar eine Liste gemacht, wo ich was einreichen kann, eine ausformulierte Idee zu einem Nachfolgeprojekt und grundsätzlich auch sehr gute Chancen von meinem bisherigen wissenschaftlichen Leben und der Themenidee, aber es gibt sehr viele Schwierigkeiten:

Ich kann nicht um weitere Forschungsförderung ansuchen, da mir trotz überdurchschnittlich langer Publikationsliste ein fremdsprachiger Artikel in einem peer-reviewed Journal fehlt. Schreibe ich natürlich, aber jetzt grad habe ich kaum einen Kopf dafür. Je länger das aber dauert, desto länger bleibe ich in diesem Schwebezustand. Journals habe ich mir auch schon rausgesucht, aber da steht nirgendwo eine Auskunft, wie lange sie brauchen bis zur Final Decision (es reicht, wenn er akzeptiert ist).

Mein Doktorvater hilft mir nicht viel weiter und sagt nur, ich sei schon sehr naiv, dass ich mir Hoffnungen machen, dass ich bald wieder einen Job bekomme und solle mich lieber mit dem Gedanken an Hartz IV abfinden. Das sei realistischer. Zudem ist mein Doktorvater auch sehr langsam in der Durchsicht der Arbeit und das ist noch freundlich formuliert.

Dazu kommen noch ein paar andere Sachen: Meine Universität bietet ein Promotionsstudium an, das alles andere als fördernd ist. Unsinnige Lehrveranstaltungen samt Seminararbeiten, null Verständnis bis Zorn, wenn man eine Stunde mal ausfallen lassen muss, wenn man zu einer Tagung eingeladen ist. Und viele andere Dinge. Eigentlich fühle ich mich seit drei Jahren jetzt wie in einer schlechten Satiresendung als auf einer Universität. Ich befürchte auch jetzt, dass irgendwas noch sein wird, dass es heißen wird: "Ein Semester müssen Sie jetzt schon noch dran hängen." Es würde einfach passen...

Mir fällt derzeit jedes Wort schwer, das ich für meine Dissertation schreiben soll. Es fühlt sich an, als würde ich mein eigenes Grab schaufeln. Mir ist buchstäblich kotzübel, wenn ich daran schreibe (wirklich nicht im übertragenden Sinne).

Ich habe derzeit keine Hoffnung. Alles schaute in den letzten Jahren so super aus und grundsätzlich schaut es auch für die Zukunft gut aus. Aber ich bin einfach nur noch fertig. Ich habe viel gekämpft trotz aller Hürden, habe die Zähne zusammen gebissen, habe mich motiviert, dass ich die Diss rechtzeitig fertig habe, um mich dann um neue Gelder bewerben zu können. Nach der Hartz-IV-Aussage und der Hiobsbotschaft mit dem Peer-Review-Paper bin ich einfach gebrochen.

Jetzt überlege ich, abzubrechen. Eigentlich überlege ich das schon seit dem Frühjahr. Das ist natürlich schade um die Zeit, aber ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich weiß auch nicht, was ich sonst machen soll. Ich weiß nur, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Mir fehlt die Kraft. Mir fehlt die Kraft, mich überhaupt auf den Beinen zu halten derzeit.

Hat jemand von euch Erfahrung, wie schlecht es sich auf den Lebenslauf auswirkt, wenn man die Diss nicht fertig macht?

Wenn jemand Erfahrungswerte hat, wäre ich sehr dankbar!!! :blume:

oclock
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Re: Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von oclock » 24.10.2017, 21:38

Auf Deine eigentliche Frage möchte ich ganz bewußt nicht eingehen, da ich einen Abbruch nicht für zielführend halte. Abgesehen davon, habe ich nach Durchlesen Deines Textes nicht die Motivation für einen Abbruch entdeckt.

Ich fasse mal mit meinen Worten stichwortartig Deine Situation zusammen:

* Nach Abgabe der Diss bist Du arbeitslos, weil Dein Vertrag ausläuft und eine Verlängerung ist nicht drin.
* Theoretisch könntest Du Dich um eine Förderung für die Zeit nach der Diss bemühen, aber dafür ist ein englischsprachiges Paper in einem peer-reviewed Journal nötig.
* DV ist bei der Korrektur langsam und mit seinen Aussagen demotivierend.
* Dein Promotionsstudium an Deiner Uni ist nervig/chaotisch/unsinnig.

Ich hoffe, dass ich nichts vergessen habe.

Wo steht, dass Du ein englischsprachiges Paper in einem Journal benötigst, um eine Forschungsförderung zu bekommen? Aber selbst wenn Du das hättest: Wie wahrscheinlich ist, dass Du gefördert wirst?

Da Dein Vertrag ausläuft wärst Du so oder so arbeitslos. Welchen Vorteil erhoffst Du Dir von einem Abbruch? Es sind doch nur noch ein paar Wochen und dann kannst Du dieses Kapitel abschliessen und evtl. die Uni wechseln und irgendwo einen PostDoc dranhängen.

Meine Meinung: Vergiß das mit dem Abbruch, zieh die Promotion durch und sieh nach vorne. Mach vielleicht irgendwo einen Kurzurlaub, um den Kopf frei zu kriegen und neue Energie zu tanken.

Dell
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Re: Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von Dell » 25.10.2017, 02:17

Abbrechen, gerade so kurz vor Schluss, ist keine Lösung. Das schaffst du locker, auch wenn es sich gerade nicht danach anfühlt. Wobei ich vollständigkeitshalber anmerken möchte, dass es auch ein Leben ohne Promotion gibt und alle mir bekannten Abbrecher gut untergekommen und zufrieden sind. Trotzdem, lieber eine Diss abgeben mit der du nicht zufrieden bist als aufgeben.

In deiner Situation würde ich mir wohl eine Woche frei nehmen und Bewerbungen schreiben. Gibt dir Zeit etwas von der Diss zu verschnaufen und es schadet nicht seinen Marktwert und berufliche Interessen und Perspektiven zu erkunden.

In welchem Fachgebiet bist du denn, dass all diese Seminare etc. erwartet wurden?

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Re: Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von daherrdoggda » 25.10.2017, 03:57

Es wirkt so, als haettest du die Wahl zwischen:
1. Arbeitslos mit 'Makel' im Lebenslauf
2. Arbeitslos mit Promotion im Lebenslauf

Also warum nicht Nummer 2 waehlen, um die Chancen auf einen neuen Job zu erhoehen?

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Re: Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von Paulchen » 25.10.2017, 11:26

Hi Sunny,

von mir dazu vielleicht auch ein paar Gedanken. Bei mir war es damals ähnlich. Mein Betreuer hat für die Begutachtung lange gebraucht, wurde danach pensoniert und unsere Verträge liefen aus. Ich stand also frisch promoviert bei der Agentur für Arbeit und hatte anstelle einer tollen Post-Doc-Stelle mehrere Monate Arbeitslosigkeit vor mir. Das war schon eine schlimme Zeit. Das muss ich ganz ehrlich sagen, weil man komplett ausgebremst wurde und die einem bei der Arge auch überhaupt nicht helfen können. Man muss dann halt viel Geduld und einen längeren Atem haben und auch irgendwie damit klarkommen, dass man in der Arge drinhängt. Ich habe damals fünf Monate gebraucht, bis ich einen neuen Job in der Wissenschaft gefunden habe (der war richtig scheiße, aber das ist ein anderes Thema).
Wie dem auch sei: Du solltest die Diss auf jeden Fall durchziehen. Wenn du sie abbrichst, versperrst du dir schon einmal jede Chance auf eine möglich Post-Doc-Stelle (und glaub mir, alles ist besser als arbeitslos, sogar beschissene Post-Doc-Stellen). Ich komme aus den Geisteswissenschaften. Da hätte man tatsächlich die Auswahl zwischen arbeitssuchend mit Promotion und arbeitssuchend mit abgebrochener Diss. Gerade letzteres klingt nicht sehr gut. Übrigens hätte ich ohne Diss meinen heutigen Job nicht bekommen. Insofern bring die Diss zu Ende und versuche die Arbeitslosigkeit so gut zu überstehen, wie es eben geht. Leider weiß man nie, was einem der Dr. noch bringen könnte.

Viele Grüße,
Paulchen

flip
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Re: Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von flip » 25.10.2017, 12:01

Ich vertehe auch nicht warum du abrechen willst. Das ergibt keinen Sinn. Mit dem Abbruch machst du doch alles nur noch schlimmer.

Dem Promotionsprogramm die Schuld zu geben ist ja nun nicht zielführend. Wenn du auf der anderen Seite deine überdurschnittlich lange Publikationsliste anführst. :?: Lass so etwas sein. Das hilft dir auch nicht weiter.

Es scheint mir, als wenn du die ganze Zeit die Augen vor dem "Danach" verschlossen hast und jetzt trifft es dich mit voller Wucht. Warum bewirbst du dich nicht auf Post-Doc stellen? Wenn du für die Finanzierung englische Aufsätze benötigst, wirst du in einer Disziplin arbeiten, bei der dies essentiell für die spätere Karriere ist. Wie ist also der Plan, wenn du weiter machen willst?

Wenn du eine vollfinnazierte Stelle hattest, bekommst du auch nicht Hartz IV, sondern ALG1?

Also, konzentriere dich erst einmal auf die Fertigstellung der Diss. Dass man Fehlschläge im Leben erleidet ist vollkommen normal und darf einen nicht so stark ausbremsen. Eine wichtige Lektion, die man unbedingt (er)lernen muss! :blume:

Sunny_2008
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Re: Dissertation abbrechen - Konsequenzen?

Beitrag von Sunny_2008 » 31.05.2018, 18:58

Huhu!

Nach langer, langer Zeit melde ich mich mal und sage euch, wie es weiterlief. Danke euch jedenfalls für die Kommentare und Hilfestellungen.

Ich habe Ende Februar die Diss einreichen können.

Der Weg dahin war leider kein leichter: Die Situation, in der ich mich Ende Okotber befand, hat sich leider eher noch verschlechtert. Kosequenz war, dass Anfang Dezember bei mir Burn Out, schwere Depressionen zusammen Panikattacken festegestellt wurde. Leider verzögerte dies die fertigstellung, da ich einfach nocht mehr konnte.

Schon fast als Anekdote sehe ich dabei, dass mir mein Lektor mit Anwalt drohte. Er hat wirklich schlechte Arbeit geleistet, neue Fehler sogar eingebaut und viele übersehen. Ich dämliches Huhn war dann so nett, dass ich gesagt "Fehler passieren, nur jetzt bitte weniger." Und obwohl die Arbeit noch nicht abgeschlossen war, hat er mich ständig gefragt, ob ich ihm das ausstehende Geld überweisen könnte etc. Irgendwann hieß es dann plötzlich "Ich bin so krank, 6 Wochen Kur, kann ich nicht fertig machen. Bitte überweisen." Das war am Freitagnachmittag, als er am Dienstag das Geld noch nicht hatte, kamen Beleidigungen und Drohungen.

Egal... hab eingereicht, von der Fakultät gab es grünes Licht, dass so weit alles passe. Erstes Gutachten kam sehr schnell, nur auf das zweite Gutachten warte ich nach wie vor. Bin jetzt langsam doch nervös, da die Frist bald ausgelaufen ist und ich Befürchtungen habe, dass de facto der Gutachter sich so viel Zeit lassen kann, wie er will. Dass die Defensio auch nicht vor Herbst stattfinden wird, weil jetzt die Sommermonate kommen. Das belastet mich nach wie vor, da meine Gesundheit immer noch nicht wirklich hergestellt ist und die Dissertationsphase komplett wie ein Albtraum waren. Ich will das einfach nur noch abschließen, auch nicht feiern oder sonst etwas...

Damit wäre halt alles umsonst gewesen. Dass ich mich so angestrengt habe, dass ich rechtzeitig zum Auslauf des Stipendiums fertig werde. Ich habe auch bereits den Antrag eingereicht für ein Nachfolgeprojekt und dafür brauch ich den Titel einfach.

Naja... Das Stöbern hier im Forum gibt mir aber Kraft, dass es auch vielen, vielen anderen so geht.^^

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