Thema & Fachgebiet wechseln, aber an derselben Uni bleiben?

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ElSawy86
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Thema & Fachgebiet wechseln, aber an derselben Uni bleiben?

Beitrag von ElSawy86 » 27.07.2017, 20:49

Hallo zusammen,

ich bin neu hier und möchte mich daher erstmal bei allen bedanken, die hier so fleißig Informationsarbeit leisten!

Nun stehe ich selbst vor einem Problem, und zwar folgendem:

Ich habe vor 9 Monaten direkt nach meinem Masterabschluss eine Drittmittelstelle (50%) in einem interdisziplinären Forschungsprojekt angetreten, und zwar an einer neuen Uni und in einem anderen Fachgebiet. Das Forschungsziel des Projekts passte auch zu meinem Studium, bisherigen Forschungserfahrungen und meiner MA und war so weit gefasst, dass quasi JEDES Promotionsthema dort unterzubringen wäre. Kurzum - ich werde fürs kumulative Promovieren bezahlt, und habe dafür auch noch eine sehr freie Arbeitseinteilung, kann z.B. jederzeit Home Office machen usw. Da ich 2 kleine Kinder habe, sind diese Bedingungen für mich sehr wichtig und ich habe den Job sofort angenommen.

Tja, mittlerweile hat sich aber herausgestellt dass es sich bei dem Prof und seinem Fachgebiet um eine reine Publikationsmaschinerie handelt, nach dem Motto Quantität über Qualität. Ich wurde z.B. bereits 1 Woche nach Arbeitsbeginn nach Ideen/Plänen für Paper in den nächsten 12 Monaten gefragt, und meine Aussagen zu "erstmal Thema konkretisieren, Exposé schreiben, Diss planen" wurden von Prof und Kollegen nur belächelt. Nach eigenen Aussagen weiß dort keiner der Doktoranden, was eigentlich sein Thema ist. Man knallt einfach erstmal Paper über Paper raus (4 pro Jahr sind Minimum, dafür werden auch studentische Abschlussarbeiten 1:1 übernommen oder das halbe Paper vom HiWi angefertigt, und natürlich steht der Prof überall als Ko-Autor) und wenn man so 10-12 zusammen hat überlegt man wo sich wohl ein roter Faden finden ließe.

Ich kenne eine derartige Arbeitsweise aus meinen bisherigen Arbeitserfahrungen (immerhin 3 Lehrstühle) nicht, bin aber wie gesagt hier fachfremd. Da die Bedingungen aufgrund meiner familiären Situation ideal sind, habe ich bis hierhin durchgehalten und versucht mich an das System anzupassen. Ich merke aber zusehends, wie unwohl ich mich mit dieser Situation fühle. Ich werde meinem eigenen qualitativen Anspruch nicht gerecht, da es einfach unmöglich ist durchdachte Forschung zu betreiben und gleichzeitig 4 Paper pro Jahr irgendwo zu platzieren. Teilweise ist es ethisch mehr als grenzwertig, was dort gemacht wird, und ich fühle mich sehr unwohl dabei, auf alle Ewigkeit meinen Namen darunter zu setzen. Eine inhaltliche oder methodische Betreuung des Promotionsvorhabens findet de fakto nicht statt, zudem ist der Umgangston unter den Mitarbeitern alles andere als kollegial.

Ich möchte dieses Promotionsvorhaben also abbrechen und bin bereits dabei, mich auf andere Stellen zu bewerben - bisher außerhalb des wissenschaftlichen Bereichs. Die Vorstellung mit einer wissenschaftlichen Laufbahn abzuschließen macht mich sehr traurig, aber da ich Kinder habe, bin ich nicht bereit umzuziehen und mehr als 50% Arbeitszeit sind aktuell nicht drin, was die Auswahl natürlich sehr einschränkt. Nun ist aber gerade eine Promotionsstelle in einem anderen Fachbereich meiner Uni ausgeschrieben worden, der wesentlich näher an meinem Studienfach liegt und thematisch ebenfalls interessant ist, auch von den Arbeitsbedingungen wäre dies für mich machbar.

Daher nun meine Frage: Kann ich mein jetziges Promotionsvorhaben abbrechen, meine Stelle kündigen und eine andere Stelle mit neuem Promotionsvorhaben und neuem Betreuer, aber an derselben Uni antreten? Hat jemand schon einmal Erfahrungen mit einem ähnlichen Problem gemacht? Wie kann ich mich bewerben, ohne dass mein jetziger Prof dies mitbekommt? Wo könnte man sich informieren / Hilfe holen?

Vielen Dank im Voraus!

flip
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Re: Thema & Fachgebiet wechseln, aber an derselben Uni bleiben?

Beitrag von flip » 28.07.2017, 00:31

Drei (vier) Dinge fallen mir auf die schnelle ein:

1) 50% Drittmittelstelle. Das heißt hart ausgedrückt, wenn es Teil des Projektes ist, dass du publizieren sollst, dann ist das Teil deines Jobs und nicht deine Entscheidung, sondern die deines Chefs. Unabhängig davon, was du für deine Diss tust und wie du darüber nachdenkst. Wenn du damit nicht klarkommst, dann ist das nicht der richtige Job für dich. Das hat aber leider nichts mit der Diss zu tun, sonden ist der Forschungsalltag. Das gilt übrigens auch für Haushaltsstellen.

2) Ich kann deine Situation vollkommen nachvollziehen. Ich war anfangs in einer ähnlichen Situation, nur dass mein Chef sehr viel der Arbeit gemacht hat und nicht die Studenten. Aber: man lernt sehr viel - und rückblickend muss ich sagen, dass meine späteren Publikationen für die Diss ohne diese Arbeiten nicht von der Qualität wären, die sie ohne diese Vorarbeit hätten. Du wirst dadurch später schneller in der Lage sein, bestimmte Vorhaben umzusetzen. Wenn du das allerdings nicht willst, sondern die Monographie (bzw. das größere Ganze), dann ist auch dies wiederum der falsche Job für dich.

3) Ich rate vor der Bewerbung dringend auch einmal die anderen Perspektive zu betrachten. Die Professoren kennen sich vermutlich - wenn auch nur oberflächlich. Also auf einmal bekomme ich also eine Bewerbung der Mitarbeiterin meines Kollegen. Das führt mich unweigerlich zu der Frage "Warum der Wechsel?". Die Forschungsfrage interessiert mich erst einmal nicht. Was sagst du dann? Dass dir die Arbeitsmethoden deines jetzigen Chefs nicht gefallen? Das ist gefährlich! Und was erwartest du dann von mir? Vor allem, wenn ich dich annehme und dann über die Sache unweigerlich demnächst sprechen muss? Denn das wird sich nicht so einfach unter den Tisch kehren lassen, wie deine Bewerbung. Außer natürlich ich bin eines anderen Fachbereichs gehörig und kenne deinen jetzigen Chef nicht. Schwierige Situation also... Wenn letzteres nicht zutrifft, solltest genau das Gegenteil tun und mit deinem Chef offen über diese Stelle als Alternative sprechen. Und natürlich auch mit deinem potentiellen neuen Chef. Du bist schließlich jeden Tag dort! Sicherlich kann das auch nach hinten losgehen, aber das wird es auch, wenn du heimlich eine Bewerbung schreibst, und die Zwei später miteinander sprechen. Nur, dass du dann nicht mehr weißt, woran du bist.


Ah, Energie auf ein Exposé zu verschwenden ergibt bei einer kummulativen Diss keinen Sinn. Du musst sequenzieller denken. Das heißt, widme deine komlette Energie dem ersten Papier bzw. der ersten Forschungsfrage. Dabei werden automatisch Probleme auftauchen, die du dann in weiteren Publikationen abhandelst. Versuche erst garnicht eine Geschichte (Roadmap) über mehrere Jahre und Papiere zu stricken. Das wird nicht funktionieren und nach spätestens einem Jahr hast du alles über den Haufen geworfen. Exposé nur für Bewerbungen bzw. wenn es die Promotionsordnung verlangt, ansonsten bleiben lassen!

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Re: Thema & Fachgebiet wechseln, aber an derselben Uni bleiben?

Beitrag von daherrdoggda » 28.07.2017, 07:33

Ich kenne einige Faelle, wo Doktoranden entweder gefeuert wurden oder selbst hingeschmissen haben - alle haben eine neue Gruppe mit neuem Thema gefunden. Man muss es halt im Gespraech gut begruenden koennen, nehme ich an. Vll kommt man auch ueber Kontakte weiter, wenn z.B. jemand, der schon dort ist, einen empfehlen kann.

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Re: Thema & Fachgebiet wechseln, aber an derselben Uni bleiben?

Beitrag von praktikum » 29.07.2017, 00:12

ElSawy86 hat geschrieben:Ich merke aber zusehends, wie unwohl ich mich mit dieser Situation fühle. Ich werde meinem eigenen qualitativen Anspruch nicht gerecht, da es einfach unmöglich ist durchdachte Forschung zu betreiben und gleichzeitig 4 Paper pro Jahr irgendwo zu platzieren. Teilweise ist es ethisch mehr als grenzwertig, was dort gemacht wird, und ich fühle mich sehr unwohl dabei, auf alle Ewigkeit meinen Namen darunter zu setzen.
Willkommen in der Wissenschaft!
Vier Paper pro Jahr ist allerdings nicht die Welt. Es kommt hier darauf an, ob es kompetent im gleichen Themenbereich bleibt oder "irgendwo" etwas hingefaselt wird. Sind die Paper nur schwach (eigentlich redundant zu Vorhandenem) oder inhaltiich falsch (Inkompetenz bzw. Betrug) ? Bei letzterem hast Du natürlich ein Problem. Bei zwei bis drei guten Veröffentlichungen und einem (inhaltlich richtigen) Laberpaper bist Du noch im grünen Bereich.


ElSawy86 hat geschrieben: Eine inhaltliche oder methodische Betreuung des Promotionsvorhabens findet de fakto nicht statt, ...
Nicht ungewöhnlich. Ob es nicht stattfindet oder nutzlos ist, nimmt sich nicht viel.

ElSawy86 hat geschrieben:Die Vorstellung mit einer wissenschaftlichen Laufbahn abzuschließen macht mich sehr traurig, ...
Für eine wiss. Laufbahn benötigst Du allerdings viele (gute) Paper. Part of the game! :(
Allerdings muss ich dazu sagen, dass es auch das andere Extrem gibt. Da sitzen die Menschen ein paar Jahre in Ruhe am Lehrstuhl, machen ein oder zwei Veröffentlichungen und gehen nach 5 Jahren mit dem Dr. nach Hause. Das ist angenehm, aber eine großé wiss. Karriere wird dann schwierig.

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Re: Thema & Fachgebiet wechseln, aber an derselben Uni bleiben?

Beitrag von Paulchen » 29.07.2017, 08:45

Ja, so ist die moderne Wissenschaft. Das führt dann im Endergebnis dazu, dass ein riesiger Haufen halb garer, schlechter und vollkommen überflüssiger Paper auf dem Markt ist und lesen wird es kaum einer. Ich sehe das an meinem ehemaligen Fachbereich (Linguistik). Das ist eigentlich eine traumhaft schöne wissenschaftliche Disziplin. Da gibt es aber heute so viele Paper, die vollkommen redundant sind. Ach was sage ich, ganze Teilbereiche (z.B. Wahrnehmungsdialektologie), die m.E. nichts mehr mit Linguistik zu tun haben, aber gefördert werden.
Worauf ich hinaus will: wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss publizieren und zwar möglichst viel. Dass dabei Qualität und saubere Methodik auf der Strecke bleiben, geschenkt. Folgender Dialog aus einer Berufungskommission ist mir prägend in Erinnerung geblieben und zeigt, wie das heute funktioniert :
Professor A: "Bewerber X hat extrem viel publiziert."
Kommissionsmitglied B: "Haben Sie das denn mal alles gelesen. Da ist extrem viel Mist dabei." (Kommissionsmitglied B sollte es wissen, da er Bewerber X vorgestellt hat)
Professor B: "Nö, aber das sieht so auf der Homepage nachher super aus"

Bewerber X sitzt heute natürlich auf der Professur.

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