Promotion nach 4 Jahren aufgeben

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Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von indexfaner » 29.06.2017, 14:04

Hallo liebes Forum,
ich weiß, dass es solche Posts schon öfter gegeben hat. Trotzdem würde ich gerne von euch eine Meinung von außen erhalten.
Ich arbeite jetzt seit 4 Jahren an einem Institut, mache Lehre und bin in fakultäre Angelegenheiten eingebunden (Gremien, Kommissionen etc.). Seit etwa 1 1/2 Jahren habe ich mein Thema endlich gefunden, leider ist es eins, worin mein DV nicht sehr firm ist, deswegen bekomme ich die Kapitel meist nur mit Schönheitskorrekturen zurück, ohne sicher sein zu können, dass es inhaltlich gut ist.
Ich promoviere in einem Fach, was ich eigentlich gar nicht studieren wolllte; nach dem Abi wusste ich nur, dass ich das eine Fach machen möchte, und dann habe ich mich aus Verzweiflung für das Lehramt entschieden und dieses Fach nun dazu genommen. Ich war keine gute Studentin, d.h. unaufmerksam in Lehrveranstaltungen, habe davon nichts mitgenommen oder zu Hause dafür gelernt, nur die Klausuren und Hausarbeiten waren immer recht ordentlich. Dementsprechend habe ich jetzt in vielen Bereichen sehr große Lücken. War dann bei meinem DV Hiwi und hab schließlich die Stelle, als sie frei wurde, angenommen. Warum, weiß ich bis heute nicht, wahrscheinlich, weil es von mir erwartet wurde.
Ich merke jetzt, dass das Thema, was ich mir selber gesucht habe, nicht wirklich 'klappt'. Meine These vom Anfang lässt sich kaum halten, womit eigentlich mein 2. Teil obsolet geworden ist (den ich aber noch anfangen müsste). Hinzu kommt, dass ich mich aufgrund meines Studiums nicht rechtmäßig auf dieser Stelle fühle, weil viele besser qualifiziert sind. Ich tauche in der Fakultät immer ab, bleibe im Büro, weil ich fachlich nicht mit meinen Kollegen reden kann, ich habe einfach nicht den gleichen Wissensstand wie sie und fühle mich dann dumm. Deswegen nimmt man mich nicht wahr, und ich denke auch, dass schlecht von mir gedacht wird (à la: warum hat die denn die Stelle bekommen?). Hinzu kommt, dass mir jetzt schon vor meiner mündlichen Abschlussprüfung graut, die das ganze Studium noch einmal umfassen wird und für die ich eigentlich jetzt schon anfangen müsste zu lernen.
Der einzige Grund, warum ich noch hier bin ist, dass ich nicht aufgeben möchte nach 4 Jahren, und dass ich eigentlich den Titel möchte, um nicht in die Schule zu müssen. Warum ich Lehramt studiert habe, ist eine andere Frage.
Ich weiß jetzt allerdings nicht, ob mein Privatleben (ich war schon einige Male beim Arzt wegen depressiven Episoden) sich auf meinen Job auswirkt, oder der Job auf mein Privatleben. Ich weiß nicht, ob ich das Jahr, was ich an Vertrag noch habe, da bleiben soll, obwohl ich weiß, dass ich die Arbeit wahrscheinlich in der Zeit nicht fertigstellen werde und auch gar nicht an der Uni bleiben möchte. Ich weiß nicht, ob es lohnt, sich ein Jahr noch hierhin zu zwingen, denn die o.g. Gedanken, abgesehen davon, ob sie wahr sind oder nicht, belasten mich schon sehr. Ich fühle mich zudem so, als ob ich immer nur studiert hätte, nach dem Abi direkt in die Uni, von der Uni direkt an die Diss, und mich dabei selber 'verloren' habe, nicht mehr weiß, wer ich bin, wer ich sein möchte, was ich überhaupt kann.

Was meint ihr? Dranbleiben? Oder kündigen und vielleicht erstmal ins Referendariat gehen, zwischendurch vielleicht noch mal ins Ausland?

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Cybarb
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von Cybarb » 29.06.2017, 15:49

Hallo indexfaner,

ich denke, du hast zwei Problemkomplexe, nämlich Arbeit und Privatleben, die zwar irgendwie miteinander verknüpft sind, aber eigentlich isoliert betrachtet werden müssen. Ich will hier nur was zur Arbeit sagen.

Es gibt psychologische/psychotherapeutische Beratungsstellen an Unis, die auch für Probleme zuständig sind, wie du sie schilderst. Du könntest dich einmal an eine solche wenden, vielleicht kann man dir dort helfen.
Der völlig falsche Weg ist es m.E. sich von anderen Leuten bei euch im Institut abzukapseln. Wenn du von ihnen lernen kannst, dann geh auf sie zu und bitte um Hilfe. Wenn du mittlerweile eine persona non grata bist, ist das natürlich schwierig, aber so klingt es für mich nicht. Vielleicht gibt dir ja jemand den entscheidenden Tipp, um deiner Arbeit den richtigen Twist zu geben, damit sie doch noch fertig wird. (Und zwar in einer Form, mit der du und die anderen Beteiligten zufrieden sind.)
Als Anregung: Wie wird denn deine Arbeit in Lehre und Gremienarbeit wahrgenommen? Wie sind deine Evaluationen, sofern vorhanden? Vielleicht tut sich hier ja eine Möglichkeit auf, etwa in Richtung Wissenschaftsmanagement oder Studiengangskoordination.

Deine Idee, vielleicht mal ins Ausland zu gehen, verstehe ich nicht. Was willst du da? "Ins Ausland gehen" ist bzw. hat ja keine Perspektive, daher würde ich das nur tun, wenn damit eine solche Perspektive verbunden ist.

Gruß
Cyb
Zuletzt geändert von Sebastian am 29.06.2017, 15:49, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von flip » 29.06.2017, 17:05

indexfaner hat geschrieben:Hinzu kommt, dass ich mich aufgrund meines Studiums nicht rechtmäßig auf dieser Stelle fühle, weil viele besser qualifiziert sind. Ich tauche in der Fakultät immer ab, bleibe im Büro, weil ich fachlich nicht mit meinen Kollegen reden kann, ich habe einfach nicht den gleichen Wissensstand wie sie und fühle mich dann dumm. Deswegen nimmt man mich nicht wahr, und ich denke auch, dass schlecht von mir gedacht wird (à la: warum hat die denn die Stelle bekommen?). Hinzu kommt, dass mir jetzt schon vor meiner mündlichen Abschlussprüfung graut, die das ganze Studium noch einmal umfassen wird und für die ich eigentlich jetzt schon anfangen müsste zu lernen.
Der einzige Grund, warum ich noch hier bin ist, dass ich nicht aufgeben möchte nach 4 Jahren, und dass ich eigentlich den Titel möchte, um nicht in die Schule zu müssen. Warum ich Lehramt studiert habe, ist eine andere Frage.

Was meint ihr? Dranbleiben? Oder kündigen und vielleicht erstmal ins Referendariat gehen, zwischendurch vielleicht noch mal ins Ausland?
Das, was du im Studium gelernt hast, ist das eine, das was du in der Promotion anwendest/verwertest, das andere. Ich habe bspw. mehr oder weniger fachfremd promoviert, das heißt, die meisten Dinge musste ich mir selbst beibringen. Das Studium hat mir nur zu einen gewissen Teil etwas gebracht. Das geht vielen so. Aber genau das ist etwas, was man eigentlich in der Masterarbeit lernt. Das bedeutet aber auch, dass wenn andere Leute einen Wissensvorsprung in einem Thema haben, dann musst du diese nacharbeiten. Das ist ein kontinuierlicher Prozess und vollkommen normal. Dieser zeichnet übrigens auch die Diss aus. Was bringt dir der "Titel", wie du so schön sagst, wenn du das nicht verinnerlicht hast?

Und rate mal, ich bin permanent von Menschen umgeben, die mehr wissen als ich. Das ist normal in der Wissenschaft. Es ist schließlich ihr Job, sich damit auszukennen. Genau so wie es meiner ist, es in meinem Bereich zu tun. Sich also im Büro einzuigeln ist nicht nur fahrlässig, sondern auch komplett überflüssig.

Ansonsten verstehe ich nicht so ganz deinen Werdegang. Du willst nicht das Fach studieren, du tust es. Du willst nicht promovieren, du tust es. Du willst nicht Lehrer werden, du denkst trotzdem über das Ref nach. Oders sehe ich das falsch? Und was willst du im Ausland?
Was ist dein Plan für die Zukunft? Du verschiebst doch die ganze Zeit alles nach vorne. Es ist nur verständlich, dass du mit der Zeit psychische Probleme bekommst. Wenn du jetzt noch nicht einmal die Hälfte der Diss hast und schon resigniert hast, dann wird der zweite Teil sehr lang. Das ist ein Zustand, der nicht die Oberhand gewinnen darf.

Wenn du wirklich deine Diss zu Ende führen willst, dann raus aus dem Büro und geh unter Leute/Wissenschaftler. Halte Präsentationen, geh auf Workshops, Fortbildungen, Seminare und lern im Zweifel aus Fehlern. So kommst du voran.
Zuletzt geändert von Sebastian am 29.06.2017, 17:05, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von Seb13 » 30.06.2017, 09:34

Liebe indexfaner,

1. Wenn dich das Diss-Thema interessiert dann kannst du auf Konferenzen, Workshops dazu gehen. Wenn du merkst du brauchst noch mehr Wissen zu einem Bereich kannst du auch auf Konferenzen und Fortbildungen / Workshops gehen (dort wirst du auch merken dass du mit deinen Gedanken "ich kann nichts" nicht alleine bist).

2. Wenn dich das Diss-Thema aber nicht interessiert und dir der Abschluss der Arbeit keine Zukunft bringt, dann ist es auch ok den "sicheren und erwarteten" Weg zu verlassen und etwas anderes zu machen. Es ist nur wichtig (v.a. mit dem Hintergrund von Depression) dass du etwas zu Ende bringst. Das soll dir aber auch etwas bedeuten und du sollst dich darin auch wohlfühlen.

3. Es würde dir bestimmt gut tun dich einmal hinzusetzen und genau zu überlegen was es ist was Du möchtest, was Du kannst, wohin Du willst und was Deine Möglichkeiten sind. Das kannst du alleine machen (mit Mindmaps oder Ähnlichen Methoden) oder mit einem Coaching, mit Betreuung, Beratung, Hilfe, was immer dir am besten taugt.

Viel Erfolg dabei und alles Gute dir ! :blume:

caipirinha11085
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von caipirinha11085 » 30.06.2017, 10:09

Das Gefühl, sich seine Position "erschlichen" zu haben, plagt mehr Leute, als man meinen möchte.
Du sagst selbst, du hast ordentliche Ergebnisse erzielt. Du hast eine Hiwi-Stelle bekommen und anschließend eine WissMit-Stelle. Das sind schlicht Positionen, die nicht "einfach so" "verschenkt werden". Du hast sie dir sicherlich verdient, auch wenn es sich anders anfühlt. In diesem Situationen hilft es, sich vor Augen zu führen, was du schon geleistet hast: Studium, Studienabschluss, wissenschaftliche Arbeit neben dem Studium, vier Jahre Arbeitserfahrung.. das ist nicht "nichts"!

Ich konnte an meinem Lehrstuhl auch bei vielen Dingen nicht mitreden. Meine Kollegen wussten, gerade in grundlegenden Fragen, oft mehr als ich. Das ist okay! Dann hast du halt Lücken - so what? Selbst mein DV hat Lücken.

Zu deinem fachlichen Problem kann ich nicht viel sagen. Über die These deiner Arbeit und ob sie sich tatsächlich nicht halten lässt, würde ich mit dem DV sprechen. Denn auch wenn er in deinem Thema nicht firm ist (was übrigens ab einem gewissen Punkt ebenfalls normal ist!), hat er wahrscheinlich Erfahrung mit solchen Situationen und kann dir Rat geben. Ich würde mir an deiner Stelle überlegen, ob dieses Ergebnis nicht für sich auch ein wissenschaftlich wertvolles Ergebnis ist.
In meiner Arbeit musste ich auch irgendwann feststellen, dass meine These sich nicht halten lässt. Auch das ist, glaube ich, einigermaßen üblich.

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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von Sebastian » 04.07.2017, 20:48

Dieser Thread war zwischenzeitlich entgleist, danke für die Hinweise incl. der Beitragsmeldungen.
Ich habe mich nun doch zum Aufräumen entschlossen, da ich das Thema wichtig finde. Ich kann nicht ganz ausschließen, dass an der einen oder anderen Stelle noch ein unpassender Bezug stehengeblieben ist, aber das wird schon passen.

Etwaige Meta-Diskussionen bitte in einen separaten Thread und hier jetzt nur noch on-topic!

Sebastian

JohnvanConnor
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von JohnvanConnor » 05.07.2017, 23:57

Das hört sich ja an wie eine Lebensbeichte! Dieses Hochstapler-Syndrom ist ja offenbar sehr verbreitet. Hier wirken manche Formulierungen geradezu masochistisch:
indexfaner hat geschrieben: Ich war keine gute Studentin, d.h. unaufmerksam in Lehrveranstaltungen, habe davon nichts mitgenommen oder zu Hause dafür gelernt, nur die Klausuren und Hausarbeiten waren immer recht ordentlich. Dementsprechend habe ich jetzt in vielen Bereichen sehr große Lücken.


Also du hattest immer gute Noten, bezeichnest dich selbst aber als schlechte Studentin, als faules Mädchen. Und dafür bestrafst du dich jetzt selbst?
Irgendwas muss der DV ja in dir gesehen haben. Vielleicht findet er es ja auch gerade gut, dass du dich nicht, wie so viele andere Doktoranden, selbst maßlos überschätzt? Und an den Kapiteln, die er liest, hat er gar nichts auszusetzen? Wo ist dann das Problem? Und wenn da wirklich eine Art 'Strafbedürfnis' sein sollte: kannst du es nicht irgendwie so drehen, dass du dich für deine vermeintliche Hochstapelei bestrafst, indem du die verhasste Arbeit doch noch fertig schreibst? Ist objektiv mit Sicherheit besser, sie abzuschließen. Die Möglichkeiten des inhaltlichen Austausches sind ja hier schon genannt worden und dir sicher ohnehin auch bekannt. Nur weil die ursprüngliche These (vermeintlich) abschmiert, muss doch nicht die ganze Arbeit verworfen werden.

LKugel
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von LKugel » 06.07.2017, 11:51

Hallo,
zu allem, was hier schon gesagt wurde, möchte ich hinzufügen, dass du nicht vergessen darfst, dass man bei einer Dissertation immer ein Einzelkämpfer ist. Du schaffst es schon, du musst nur an die Lösung und nicht an das Problem denken.
Beginne mit einem Plan für den Tag von morgen oder für die Woche, wenn du nicht ganz so ausführlich vorausschauen kannst.
Den Anfang hast du ja schon. Das war ja das Schwierigste!
Ich habe selbst eher einen schwachen Willen und gebe schnell auf.
Aber ich habe eine nette Person kennengelernt, die mir immer wieder zeigt, dass man allein dadurch gewinnen kann, wenn man bis zu Ende nicht aufgibt. Deswegen denke ich immer in solchen Situationen an diese Person und das gibt mir Kraft.
Tatsächlich kann man nicht wissen, was passiert, wenn man vorher aufhört.

Apollo
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Re: Promotion nach 4 Jahren aufgeben

Beitrag von Apollo » 06.07.2017, 17:14

caipirinha11085 hat geschrieben:Das Gefühl, sich seine Position "erschlichen" zu haben, plagt mehr Leute, als man meinen möchte.
Du sagst selbst, du hast ordentliche Ergebnisse erzielt. Du hast eine Hiwi-Stelle bekommen und anschließend eine WissMit-Stelle. Das sind schlicht Positionen, die nicht "einfach so" "verschenkt werden". Du hast sie dir sicherlich verdient, auch wenn es sich anders anfühlt. In diesem Situationen hilft es, sich vor Augen zu führen, was du schon geleistet hast: Studium, Studienabschluss, wissenschaftliche Arbeit neben dem Studium, vier Jahre Arbeitserfahrung.. das ist nicht "nichts"!
Im Deutschen sagt man dazu einfach auch: "Glück haben".

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