Aufgeben kurz vor der Abgabe?

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kaegel
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Aufgeben kurz vor der Abgabe?

Beitrag von kaegel » 07.12.2016, 15:44

Meine momentane Situation kurz vor Ende der Diss veranlasst mich immer wieder mit dem Gedanken zu spielen, die Diss nicht abzugeben. Warum? Kurz zu meiner Situation.
Meine Diss wurde durch einen externen Stipendiengeber finanziert. Das Verhältnis zu meinem Doktorvater würde ich als professionell beschreiben. Wir sehen uns im jährlichen Abstand. Vor den Treffen schicke ich meist einen Text über den wir reden etc. Gutachten für die Stiftung habe ich immer bekommen, bei dem mein Projekt als anspruchsvoll gelobt wurde.
Nun kurz vor Ende meinte mein DV dann, dass die Arbeit bisher nicht den Standards genüge, die er an eine wissenschaftliche Abschlussarbeit anlegen würde.
Ich weiss, dass in der Arbeit mal vielmehr Potential steckte, ich dieses aber nie so richtig ausnutzen konnte. Ich war denkbar schlecht eingebunden und habe nun gefühlte 350 Seiten Makulatur und noch wenige Monate der Finanzierung. Ich bewerbe mich nebenher schon auf Jobs. In der Wissenschaft wollte ich eh nie recht beliben.
Auf der einen Seite fällt es mir wahnsinnig schwer die vielen Jahre der Arbeit einfach ad acta zu legen; auf der anderen Seite sitze ich Tag für Tag vor meinem Text und komme nicht wirklich weiter. Die Sinnfragen waren schon immer virulent; jetzt vor meiner möglichen Abgabe sind sie mehr als drägend. Vor allem die Motivation mit Hängen und Würgen ein rite zu erreichen, ist mittlerweile kontraproduktiv.
Eine gute Diss ist nur eine abgebene Diss; leider scheint das mein DV nicht ganz so zu sehen...

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JohnvanConnor
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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe

Beitrag von JohnvanConnor » 07.12.2016, 18:12

kaegel hat geschrieben: Nun kurz vor Ende meinte mein DV dann, dass die Arbeit bisher nicht den Standards genüge, die er an eine wissenschaftliche Abschlussarbeit anlegen würde.
Ich weiss, dass in der Arbeit mal vielmehr Potential steckte, ich dieses aber nie so richtig ausnutzen konnte. Ich war denkbar schlecht eingebunden und habe nun gefühlte 350 Seiten Makulatur und noch wenige Monate der Finanzierung.
Hört sich nach einem klassischen Das-Glas-ist-halb-leer-Problem an. Könnte man doch genauso gut sagen: Man hat mich immer in Ruhe gelassen, ich muss keine nervigen Studenten betreuen, keine Verwaltungsaufgaben übernehmen, habe schon 350 Seiten und jetzt noch mehrere voll finanzierte Monate Zeit, den Sack zuzumachen.
Was spricht dagegen, dieses "Potential" jetzt noch herauszukitzeln? In ein paar Monaten kann man sehr viel schaffen. Die "Sinnfragen" würde ich auf Eis legen. Der Fatalismus, dass dann sowieso nur ein rite rauskommt ist angesichts der Äußerung des DV nachvollziehbar, aber gerade diese Äußerung nach Jahren des Durchwinkens beweist doch schon eine gewisse Kontingenz (die dann auch wieder zu Deinen Gunsten gehen kann). Oft bringt schon ein leidlich professionelles Lektorat sehr viel bzgl. der Note.

praktikum
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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe

Beitrag von praktikum » 08.12.2016, 19:22

Ich würde empfehlen, eine kurze Pause einzulegen und dann nochmal die aktuelle Situation zu betrachten. :coffee:
Lass die Vergangenheit jetzt ruhen und mache das Bestmögliche aus der Sache.

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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe

Beitrag von Peterklose123 » 09.12.2016, 21:14

Hallo kaegel,

du sprichst mir aus der Seele. Je näher ich der Abgabe komme, umso mehr möchte ich die Diss in die Tonne treten.

Ich kenne die Diss in und auswendig und kenne jede Schwachstelle. Und ich habe mittlerweile schon regelrecht Panik davor, sie meinem DV zu geben und dann von ihm gesagt zu bekommen, dass es für ein Bestehen nicht reicht. Grundsätzlich bin ich mit ihm abgestimmt, aber er kennt nicht jede Schwachstelle darin. Es gibt Punkte, die er generell kritisiert, die aber vermutlich noch nicht ganz so dramatisch sind, aber ich befürchte, wenn noch die anderen Schwächen dazukommen (von denen er heute noch nichts weiß), dass es dann in Summe zu viele Kritikpunkte sind und ich dann doch noch durchfalle. Und diese Schwächen kann ich leider auch nicht mehr beheben (führe ich jetzt nicht näher aus).

Davor habe ich mittlerweile so eine Panik, dass ich manchmal aufgeben möchte, um nicht noch mehr wertvolle Zeit für eine Arbeit zu verbringen, die am Ende vielleicht nicht ausreicht. Dennoch mache ich weiter, aber jede Motivation fehlt mittlerweile...

Dir weiterhin viel Durchhaltevermögen und viel Erfolg!

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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe

Beitrag von Zwonk » 09.12.2016, 21:25

@Peterklose123: Ach was, das ist ein ganz trivialer psychologischer Mechanismus, das sollte man nicht zu stark bewerten. Im letzten halben Jahr vor der Abgabe beschäftigt man sich natürlich nur noch mit den Schwachstellen - die guten Abschnitte/Kapitel/Aspekte überblättert man einfach. Klar, da ist ja nichts mehr zu tun. In der Folge sieht für einen selbst die ganze Arbeit aus wie ein Sammelsurium von Problemfeldern und Schwachstellen. Aber das ist nicht der Blick, den ein externer Gutachter hat. Der sieht eher als man selbst noch die ganze Arbeit. Und nach einer Weile ändert sich auch der eigene Blick.

Als ich die Diss abgegeben habe, schien mir die belanglos zu sein - mit einem grausigen Problemfeld "Kapitel 2" ( :shock: ), das die Diss völlig entwertet. Zwei Monate später fand (und finde!) ich die Diss richtig gut - nur Kapitel 2 würde ich heute anders schreiben, wenn ich nochmal anfangen würde. Und beide Gutachter haben im Wesentlichen die Perspektive eingenommen, die ich erst Monate nach der Abgabe auf meine Diss entwickeln konnte.

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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe?

Beitrag von kaegel » 12.05.2017, 17:25

Ich möchte mich natürlich nochmal zu Wort melden.
Ich habe tatsächlich Ende des Jahres ein Wneig Abstand von der Diss genommen. Dies tat sehr gut. Ich bin sogar davon ausgegangen, dass das Ende naht und schaffbar ist. Die Auszeit hat zumindest für ein paar Wochen meine Perspektive auf die Diss verändert.
Nun bekomme ich keine finanzielle Förderung mehr, bewerbe mich nebenher erfolglos auf Jobs und mit der Diss geht es nicht entscheidend weiter.
Der erste Teil ist nun fast komplett überarbeitet. Für ein gutes Gefühl müsste ich den Teil um gute 40 Seiten kürzen. Ich wollte den ersten Teil mal meinem Zweitbetreuer zukommen lassen, scheue mich aber nun sehr davor. Im Grunde finde ich die Arbeit nicht per se schlecht, aber sie hat wirklich große Lücken.

Ich müsste nun den Turbo einlegen und den zweiten Teil fertigstellen. Hier ist erst die Hälfte geschafft. Die andere Hälfte ist noch sehr im "Rohtext" und ich finde gar keine Motivation mich dranzusetzen. Ich schaffe es kaum 20 Minunten an einem Gedanken und einem Absatz zu bleiben und switche viel zwischen den einzelnen Teilen. So habe ich am Ende zwar das Gefühl, was geschafft zu haben, aber voran bringt mich das momentan nicht.

Vielen Dank für die Anteilnahme und die unterschiedlichen Perspektiven. Sie haben ein wenig geholfen.

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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe?

Beitrag von caipirinha11085 » 19.05.2017, 10:11

Erstmal herzlichen Glückwunsch zur Fertigstellung des ersten Teils. Das ist doch eine super Sache! Wenn du dich nicht traust, den Teil deinem ZG zu geben, wie wäre es vielleicht mit einem Kollegen vom Fach?

Haben nicht viele Arbeiten irgendwelche "Schwächen"? Andernfalls könnte man ja auch nie eine zweite Arbeit über ein Thema schreiben, das bereits bearbeitet wurde. Hast du mit deinem DV noch einmal über die überarbeitete Version gesprochen? Vielleicht genügt diese ja nun seinen Vorstellungen?

Ich verstehe, dass die Motivation fehlt, die Diss abzugeben und mE ist es auch nicht schlimm, es dann nicht zu tun. Schade finde ich aber, wenn es nur aus der Angst heraus geschieht, ein unerwünschtes Ergebnis zu bekommen. 40 Seiten kürzen tut weh, kommt aber vor. Musste ich auch. War am Ende des Tages gut so, diese Seiten rauszuwerfen.

Schlussendlich ist eine Nichtabgabe im Ergebnis ein "Weniger" zu einer bestandenen Diss, egal, mit welcher Note diese begutachtet wird. Aus diesem Blickwinkel kann dir bei einer Abgabe eigentlich nichts passieren. Wenn du dich entscheidest, abzubrechen, dann solltest du mit der Entscheidung jedenfalls völlig im Reinen sein, damit dich das nicht immer unterschwellig ärgert.

Wünsche dir viel Erfolg weiterhin. :blume:

zombie777
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Re: Aufgeben kurz vor der Abgabe?

Beitrag von zombie777 » 21.05.2017, 11:10

kaegel hat geschrieben:Ich möchte mich natürlich nochmal zu Wort melden.
Ich habe tatsächlich Ende des Jahres ein Wneig Abstand von der Diss genommen. Dies tat sehr gut. Ich bin sogar davon ausgegangen, dass das Ende naht und schaffbar ist. Die Auszeit hat zumindest für ein paar Wochen meine Perspektive auf die Diss verändert.
Nun bekomme ich keine finanzielle Förderung mehr, bewerbe mich nebenher erfolglos auf Jobs und mit der Diss geht es nicht entscheidend weiter.
Der erste Teil ist nun fast komplett überarbeitet. Für ein gutes Gefühl müsste ich den Teil um gute 40 Seiten kürzen. Ich wollte den ersten Teil mal meinem Zweitbetreuer zukommen lassen, scheue mich aber nun sehr davor. Im Grunde finde ich die Arbeit nicht per se schlecht, aber sie hat wirklich große Lücken.

Ich müsste nun den Turbo einlegen und den zweiten Teil fertigstellen. Hier ist erst die Hälfte geschafft. Die andere Hälfte ist noch sehr im "Rohtext" und ich finde gar keine Motivation mich dranzusetzen. Ich schaffe es kaum 20 Minunten an einem Gedanken und einem Absatz zu bleiben und switche viel zwischen den einzelnen Teilen. So habe ich am Ende zwar das Gefühl, was geschafft zu haben, aber voran bringt mich das momentan nicht.

Vielen Dank für die Anteilnahme und die unterschiedlichen Perspektiven. Sie haben ein wenig geholfen.
Bewerbungen zu schreiben ist normalerweise ziemlich stressig und Absagen zu bekommen sogar mehr. Da leidet oft auch das Selbstwertgefühl. Und ohne dieses Gefühl ist es schwierig konzentriert zu arbeiten.

Ich würde mich an Deiner Stelle erstmal auf das Bewerben konzentrieren und so viele Bewerbungen wie möglich abschicken. Erst dann wenn Du schon arbeitest mach dich schnell an die Dissertation machen um schnell abzuschließen.

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