Promotion aus Verlegenheit?!

... und die Fragen, die sich davor und dabei ergeben.
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Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von thenormalone » 29.11.2016, 09:13

Hallo zusammen,

ich habe vor einigen Wochen mein betriebswirt. Masterstudium beendet. Während der Thesis fragte mein Prof mich, ob ich bei ihm promovieren wolle. Das hat mir geschmeichelt und ich habe zugesagt. Die ersten Wochen hier waren dann sehr ernüchternd. Ich habe gewaltige Probleme gehabt, ein Thema zu finden und habe jetzt etwas mehr oder weniger begonnen, nur um mal was tun zu können. Ich bin seit Wochen am Boden zerstört und total unsicher, ob ich hier überhaupt richtig bin. Mich beschleicht das Gefühl, ich habe mir vor der Promotion die falschen Fragen gestellt bzw. sie aus den falschen Gründen begonnen. Es überwiegten viel mehr die praktischen, uninahen Rahmenbedingungen, das Prestige und das weitere Herauszögern sich mit meiner Zukunft auseinanderzusetzen. Forschungsdrang oder Spaß an der wissenschaftlichen Arbeit habe ich wenig.

Die Promotion erschien für mich dann irgendwann so falsch, dass ich anfing, mich zu bewerben und jetzt auch eine Zusage auf dem Tisch liegen habe. Wie das dann natürlich immer so ist, zweifle ich jetzt aber daran, die Promotion komplett abzubrechen - und das schon nach so kurzer Zeit. Es werfen sich Fragen auf: Was, wenn das Berufsleben sich nicht besser anfühlt? Was, wenn ich mich durch den Abbruch späterer Chancen beraube? Außerdem fühle ich mich irgendwie in der "Pflicht", mit meinem sehr guten Abschluss jetzt auch das Maximum rauszuholen. Andererseits möchte ich eigentlich eine faire Work-Life-Balance und nicht Karriere um jeden Preis und bin mir gar nicht sicher, inwiefern die Promotion mir da nützlich ist. Was, wenn ich jetzt weitermache, dann aber in zwei Jahren abbreche und selbst wenn ich es durchziehe, dann stellt sich in 3-4 Jahren die Frage erneut, was ich dann damit anstelle... Ihr merkt schon, ich drehe mich viel im Kreis in meiner Unsicherheit. Ich muss mich bald entscheiden, ob ich Berufserfahrung für wertvoller halte oder die Promotion (bezogen auf mich).

Ich bin dankbar für jeden Kommentar von Euch!

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von Eva » 30.11.2016, 09:37

Hm, wenn du nach so kurzer Zeit so klar siehst, dass das wissenschaftliche Arbeiten nichts für dich ist, finde ich das schon recht eindeutig. Hast du denn Lust auf den Job, der dir angeboten wurde? Probier es doch einfach aus, so, wie du das mit dem Promovieren ausprobiert hast! Vielleicht kannst du sogar mit dem Prof sprechen und aushandeln, dass du zu einem späteren Zeitpunkt auf die Promotion zurückkommst, wenn du ihm sagst, dass du gemerkt hast, dass du jetzt erstmal lieber Praxiserfahrung sammeln willst? Dann stößt du diese Tür nicht endgültig hinter dir zu, kannst jetzt aber das ausprobieren, was dir ohnehin das liebere zu sein scheint. Wenige Wochen Promotion lassen sich sogar im Lebenslauf unter den Tisch fallen, da ist noch nicht viel passiert. Bei zwei Jahren oder mehr sieht das schon anders aus. Alles Gute! :blume:

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von algol » 30.11.2016, 10:15

Ich stimme zu. Man muss nicht zwingend direkt nach dem Studium promovieren.
Für einige ist es hilfreich, erst mal eine Weile zu warten und sich die Frage der Promotion dann neu zu stellen.
Wie unterstützt Dich der Prof bei der Findung der Fragestellung und diesen Themen?

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von thenormalone » 30.11.2016, 14:27

Er hat schon ein offenes Ohr für mich, aber nur sehr vage Ideen. Von mir präsentierte Themen hat er (zu Recht) kritisiert, aber wenig Konstruktives dazu beigetragen. Gerade dieses sehr eigenständige Arbeiten erscheint mir für den Beginn sehr schwierig und wenn ich schon jetzt so zweifle, weiß ich nicht, ob ich das wirklich durchhalte (und wie angesprochen, selbst wenn, benötige ich die Promotion denn überhaupt..).

Ich habe mich bisher leider nur sehr über Leistung definiert und sehe einen Abbruch doch irgendwie als Versagen an. Die Unsicherheit, ob ein Berufseinstieg denn erfolgreicher verläuft oder mich zufrieden stellt, erhöht den Druck auf mich.

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von Wierus » 30.11.2016, 21:39

"Forschungsdrang oder Spaß an der wissenschaftlichen Arbeit habe ich wenig."

Damit hast du im Prinzip schon das Wichtigste selbst gesagt. Tu dir eine Dissertation bloß nicht an, wenn du keinen Spaß an wissenschaftlichem Schreiben hast. Die ist schon anspruchsvoll und nervenzehrend genug, wenn es einem einigermaßen liegt. Dazu Jahre der Unsicherheit, kaum Einkommen, ein gegen Ende regelrecht qualvoller Schreibprozess, mit Pech noch formale Auflagen wie Oberseminare, aufgezwungene Tutorien oder sonstiger zusätzlicher Stress durch Betreuer, Kollegen & Umfeld. Wie will man das überstehen, wenn man mit der eigentlichen Forschung selbst nicht so richtig warm geworden ist? Und abgebrochen hast du im Endeffekt ja auch nicht, wenn du jetzt die Notbremse ziehst, denn du hast noch nicht einmal richtig angefangen.

Aber wie hat sich denn das Schreiben an deiner Masterarbeit für dich angefühlt? Gut oder schlecht? Mach es doch einfach daran fest.

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von Penguin » 01.12.2016, 19:52

Hi,

nicht jede(r), der/die Abitur macht sollte studieren. Genauso sollte nicht jede(r) mit einem (sehr) gutem Abschluss promovieren. Wenn man die Promotion braucht fuer den Berufswunsch (nur den Titel oder auch das Koennen), dann ist man viel motivierter die Promotion auch abzuschliessen als wenn man das aus Verlegenheit tut. Da du schon schreibst, dass du keinen "Forschungsdrang oder Spaß an der wissenschaftlichen Arbeit" hast, wuerde ich dir hier davon abraten weiter an der Promotion zu haengen. Du scheinst es nicht fuer den Job zu brauchen und du scheinst nicht sonderlich interessiert zu sein. Vielleicht merkst du in ein paar Jahren, dass du doch noch gerne promovieren willst bzw vllt faellt dir im Beruf etwas auf, dem du auf den Grund gehen moechtest. Dann kannst du immer noch extern oder intern Promovieren.

Ich meins nur gut :blume:
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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von flip » 02.12.2016, 13:08

thenormalone hat geschrieben: Was, wenn das Berufsleben sich nicht besser anfühlt? Was, wenn ich mich durch den Abbruch späterer Chancen beraube? Außerdem fühle ich mich irgendwie in der "Pflicht", mit meinem sehr guten Abschluss jetzt auch das Maximum rauszuholen.
Nach der Logik wäre dein einziges, sinnvolles Ziel, die Professur, oder? ;)
Ich sehe in der Tat diese Bewegung in den letzten Jahren (bspw. Abi 1,0, also muss ich Medizin studieren) mit Sorge.

Ein einfaches Beispiel aus dem Studium, dem hier alle, die Studenten betreuen vermutlich zustimmen werden:

Fall 1: Ein Student kommt zu mir und will seine Abschlussarbeit schreiben. Er ist voller Tatendrang, motiviert, hat sehr gute Noten und ungefähre Vorstellungen über sein Thema. Er ist auch schon durch Seminare ein wenig in der Literatur bewandert. Er möchte eine sehr gute Abschlussarbeit anfertigen, um einen sehr guten Abschluss zu erreichen. Die Konsequenz: Er steht bei mir sehr häufig auf der Matte. Beachtet meine Hinweise sehr genau, hält oft Rücksprache mit mir, vergewissert sich, dass das, was er tut, korrekt ist. Ich korrigiere am Ende die Arbeit in zwei Stunden.

Fall 2: Ein Student hat (sehr) gute Noten. Er interessiert sich sehr stark für einen Themenkomplex. Andere Themenbereiche vernachlässigt er. Evtl. hinterfragt er sogar deren Sinn. Er möchte seine Abschlussarbeit bei mir schreiben und hat anfangs wage Vorstellungen die sich mit der Zeit selbstständig verfestigen/ändern. Er hält wenig Rücksprache mit mir und liest Literatur, die ich ihm nicht unbedingt vorschlagen würde/kenne. Ich benötige mehrere Tage für die Korrektur.

Beide Abschlussarbeiten bekommen am Ende die Note 1,0-1,3.
Aber wer ist für die Promotion geeignet? Du kennst die Antwort. Denn Fall 1 wird massive Problem später bekommen, sofern es niemanden gibt, der ihn an die Hand nimmt. Wenn du glaubst, dass vier Jahre durchziehen zu können, weil es bei der Masterarbeit ja auch ~sechs Monate funktioniert hat, dann läufst du in eine gefährliche Falle.

Durch unsere jüngsten Bildungsoffensive wird es immer schwieriger, etwas bestehendes zu hinterfragen. Stattdessen wird man gezwungen, permanent seine Leistung zu quantifizieren. Dafür benötigt man allerdings einen Standard. Das funktioniert exakt bis zum Master, denn so lange kann man Leistungen mit anderen vergleichen. Danach ist Schluss - und die tatsächliche, individuelle Leistungsbereitschaft tritt hervor.

Ich meins' auch nur gut. :blume: :trost:

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von thenormalone » 13.12.2016, 12:07

Vorab vielen Dank für eure Hilfe und Ratschläge.

Vielleicht mal ein Update meinerseits. Ich habe mich auf Stellen beworben und bin in aussichtsreichen Gesprächen mit einer Bank. Zeitgleich habe ich meinem Prof meine Sorgen und Zweifel eröffnet.

Jetzt ist es zum einen so, dass ich nicht weiß, ob ich in der "richtigen" Berufswelt glücklicher werde, mein Bauchgefühl ist vom wochenlangen Zweifeln und Grübeln verschwunden bzw. hilft nicht bei der Entscheidungsfindung. Ich durchlebe eine kleine Sinnkrise, die sich als depressive Episode äußert. Manche Freunde meinen, den Schritt in die Arbeitswelt zu wagen, um sich dem Berufseinstieg zu stellen und sich an ihn zu gewöhnen. Andere meinen, dass ich erst mal wieder fit werden solle und erst dann Entscheidungen treffen könne.

Zum anderen hat sich mein Prof meine Sorgen wirklich zu Herzen genommen und unterstützt mich derzeit sehr bei der Themenfindung. Das macht es mir noch schwieriger, zu sagen, dass die Promotion womöglich nichts für mich ist (teils, weil ich Angst vor Veränderung habe, teils weil ich niemanden enttäuschen will, teils weil ich mich schuldig ihm gegenüber fühle).

Ich muss mich sehr bald entscheiden, ob ich das Arbeitsangebot annehmen möchte. Allerdings bin ich wie gelähmt und habe von der wochenlangen schlechten Laune und Sorgen keinerlei Gefühl mehr für das, was ich möchte oder kann. Ich scheue jede Entscheidung, weil ich nicht weiß, wo ich beruflich hin möchte und was mir gefallen könnte. Die Angst vor Ungewissheit und mögliche Fehlentscheidungen macht mich fix und fertig.

Ich weiß mir wirklich keinen Rat mehr.

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von Phia123 » 13.12.2016, 13:20

Ich antworte mal mit einem Zitat:
"Es ist ein Gesetz im Leben: Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere. Die Tragik jedoch ist, dass man meist nach der geschlossenen Tür blickt und die geöffnete nicht beachtet."

Geh mit ein bißchen mehr Vertrauen in die Zukunft. Bisher hat sich doch (scheinbar) auch bei dir immer noch eine andere Tür geöffnet. Trau dich eine Tür zuzumachen und vertrau darauf, dass eine andere Tür aufgeht. Außerdem kann man geschlossene Türen häufig auch wieder öffnen (zumindest wenn man sie nicht zu fest zugeschlagen hat ;-) ).
Mein Rat wäre das Jobangebot anzunehmen. Sammle Berufserfahrung, lerne Entscheidungen zu treffen. Als Angestellter wirst du in dieser Hinsicht noch einen Schonraum haben. Als Doktorand musst du ständig selbst Entscheidungen treffen. Ich glaube, dass würde dich momentan noch überfordern. Vielleicht hast du ja zu einem späteren Zeitpunkt noch Lust eine Promotion zu beginnen, vielleicht ja auch extern.

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Re: Promotion aus Verlegenheit?!

Beitrag von epikur » 15.12.2016, 18:48

Hallo thenormalone,

die Entscheidung selbst ist möglicher Weise gar nicht Dein Hauptproblem, auch wenn Du dies subjektiv so empfindest. Ein Promotionsvorhaben aufzugeben, das man noch gar nicht richtig begonnen hat, ist wahrlich keine Schande! Ich habe das 2 mal gemacht, bis beim 3. Mal (nebenberuflich) alles gepasst hat. Falls Du es irgendwann mal wirklich möchtest, ist also auch dann nicht aller Tage Abend, wenn Du Dich jetzt dagegen entscheidest :wink:

Problematischer finde ich, dass Du selbst schreibst, eine "depressive Episode" entwickelt zu haben. Tatsächlich spricht aus Deinen Worten Einiges dafür, dass Du an einer depressive Symptomatik leiden könntest, die Deine Urteils- und Entscheidungsfähigkeit erheblich einschränkt. In diesem Zustand eine weitreichende Entscheidung zu treffen, erachte ich als problematisch. Zudem dürfte es auch schwierig werden, sich in einem Zustand der Niedergeschlagenheit und Kraftlosigkeit in einen neuen Job einzuarbeiten. Dafür sollte man einigermaßen fit sein. Insofern gebe ich Deinen Freunden Recht, die sagen, dass Du Dich erstmal darum kümmern solltest, dass es Dir selbst besser geht!!!
Ganz wichtig hiefür ist es, dass Du einen Psychotherapeuten aufsuchst, resp. zur psychologischen Studienberatung gehst!

Alles Gute wünscht Dir

epikur

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