Kein Bock mehr...

Fragen aus der laufenden Arbeit an der Dissertation.
Literatursuche, Motivationsprobleme, Lehrtätigkeit, Ärger mit dem Prof u.v.m.
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Kein Bock mehr...

Beitragvon simplesimon am 23.04.2008, 12:26

Hallo zusammen,
ich bin gerade etwas am Hadern. Hier meine Situation:

Ich schreibe seit Dezember an meiner Jura-Dissertation. Bislang hat alles wunderbar geklappt, ich hab schnell ein eigenes Thema gefunden und konnte damit sehr umkompliziert einen sehr namhaften Doktorvater finden. Das Thema ist ein überschaubares im besonderen Verwaltungsrecht, letztlich ein Rechtsprechungsüberblick mit einigen eigenen Gedanken am Ende. Sicherlich ein leicht verdienter Doktor, wenn ich es denn schaffe. Nicht zu vergleichen mit vielen anderen Dissertationen. Mein Prof sieht das ähnlich, deshalb hat er nur ca. 12-14 Monate bis Abgabe angesetzt, was ich super fand. Ich finanziere mich selber und muss nebenher nichts anderes machen.

Mittlerweile hab ich knapp drei Leitz-Ordner an Literatur angesammelt und zwei, drei Thesen entwickelt, um die sich meine Arbeit drehen soll. Dazu ca. 20 Word-Seiten an Notizen. Ich könnte also langsam mit dem Schreiben anfangen. Mein Problem: Ich hab überhaupt keinen Bock. Ich würd zwar ganz gern einige Seiten zu meiner Kernthese schreiben, hab aber absolut keine Muße, die 100 Seiten davor zu verfassen und die ganze Entwicklung und den Stand der Rechtsprechung und Literatur darzustellen. Die Materie ist derart kompliziert, dass ich überhaupt keinen Antrieb habe, die ellenlangen und furztrockenen Urteile des Bundesverwaltungsgerichts wiederzugeben und zu kommentieren. Davon abgesehen, dass ich vieles gar nicht verstehe und auch nicht verstehen will, weil es überholt ist. Noch schaffe ich es zwar, morgens um halb sieben aufzustehen und ab 8 am Laptop zu sitzen, auf mehr als 3-5 Stunden irgendwie gearteter "Arbeit" rund um die Diss (lesen, Notizen machen, wieder lesen, nicht verstehen, etc.) netto an 4 Tagen die Woche bin ich aber noch nie gekommen.

Da sich auch jetzt, nach drei Wochen Urlaub in der Sonne, keine rechte Motivation einstellt, bin ich am Überlegen, den Mist hinzuwerfen und mir nen Job zu suchen. Richtig Spaß hats eh noch nie gemacht. Meine Entschluss zur Promotion hab ich auch aus wissenschaftlich nicht gerade lobenswerten Gründen gefasst: Ich gehöre von den Noten in beiden Examen zu den oberen Prozent der Juristen, wollte aber nie den Doktor machen. Leider wird aber gerade von den Doppel-VB-Leuten der Doktor erwartet, egal wohin man schaut. Da ich mich auch später nicht bei jedem promovierten 5-Punkte-Juristen zurückgesetzt fühlen will, hab ich mich dem Doktorwahn in der Juristerei doch gebeugt und auch angefangen. Arrogant, aber so isses.

Gibts hier im Forum - besonders unter den Juristen - vielleicht vergleichbare Situationen? Kann mir jemand sagen, wie wenig Spaß einem der Doktor machen darf, ohne hinzuwerfen? Wieviel Quälerei muss nach Jura-Studium und Referendariat überhaupt noch sein? Bin für jeden Hinweis, jede Anmerkung, jeden Ar***tritt dankbar.

Grüße,
simon
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Re: Kein Bock mehr...

Beitragvon Alauna am 23.04.2008, 14:08

Hi Simon,
klingt nach einem klassischen Problem, das du da hast... ich habe nach dem 2. Staatsexamen auch eine Diss begonnen, die Jobsituation im Jahr 2002/2003 war einfach zu bescheiden für Durchschnittsjuristen, so dass ich damit meine Jura-Karriere retten wollte.

Gerichtsentscheidungen zusammenfassen und kommentieren ist ätzend, denn es ist wie du schon sagst furztrocken und teilweise versteht man die hohen Herren einfach nicht. Ich bin leider mit der Variante Gerichtsentscheidungen zusammenfassen und kommentieren bei meinem Doktorvater sehr auf die Nase gefallen, insbesondere beim Co-Korrektor, denn da hieß es plötzlich, die Arbeit sei zu narrativ / deskriptiv. Ich bekam vom Doktorvater ein cum laude, vom Cokorrektor ein mangelhaft, wurde dann in die Überarbeitungsschleife geschickt und bekam dann bei der überarbeiteten Arbeit von meinem Prof zu hören "och, die gefällt mir gar nicht mehr, nehmen wir doch einfach die 5 vom Co-Korrektor und wir lassen es ganz". Ich habe das Ding gerade in die Post gesteckt, um es doch noch an den Co-Korrektor zu schicken. Der hat sich nun garantiert mit meinem Prof abgesprochen, beide geben mir ne 5, ich bin draußen und 5 Jahre Dissgehampel ist für die Tonne (ja, ich bin ein wenig genervt...)

Sieh also zu, dass das Verhältnis stimmt: eher 1/3 Rechtsprechung zu 2/3 eigener Thesen und Ideen. Egal was dein Prof dir sagt, der Co-Korrektor kann ein Riesenarmleuchter sein...

Das wichtigste für eine Promotion ist, dass du dir selbst in den Hintern treten kannst! Das ist das A und O. Klar ist, dass das nach 3 Wochen Sommer, Sonne, Sonnenschein schwer fällt. Ich würd auch lieber in Thailand am Strand chillen ;-)

Wenn du im Herzen keinen Bock auf den Mist hast, dann such dir einen Job! Es ist bescheiden genug, sich durch eine Diss zu quälen, wenn man Lust drauf hat. Wenn du gar keinen Bock hast, dann brich lieber jetzt ab!

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich doch verbessert, da solltest du mit einem Doppel-VB doch keine Probleme haben!

Noch eins, lass dich bloß nicht auf einen Job ein und sag, dass du nebenher die Diss fertig schreibst. Denn neben einem Full-Time-Job zu promovieren ist mal richtig mies. Denn du bist k.o., wenn du aus dem Büro kommst, und sich dann noch dranzusetzen erfordert ein dermaßenes Maß an Selbstdisziplin, es ist grauenhaft (ich spreche aus Erfahrung). Schließlich musst du ja intelligentes von Dir geben und gehst nicht nebenher abends noch kellnern.

Geh in dich. Sei ehrlich, wenn du meinst du kannst dich treten um es durchzuziehen, dann zieh es durch. Wenn der innere Schweinehund zu groß ist, dann lass es. Dann verschwendest du Zeit.

Ich drück dir die Daumen, Kopf hoch!

Herzlichen Leidensgenossengrüße
Katharina
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Re: Kein Bock mehr...

Beitragvon simplesimon am 23.04.2008, 15:57

Wow, also nach 5 Jahren rauszufliegen ist ja der absolute SuperGAU. Schon mal Respekt dafür, überhaupt so lange durchgehalten zu haben. Hast du schon Vergeltungspläne geschmiedet?

Und danke für die aufbauenden Worte. Die allerdings gleichzeitig auch weniger aufbauend sind, weil sie sehr schön zeigen, was als dickes Ende nach der ganzen Quälerei auch noch kommen kann. Auch noch was, was man bedenken sollte.

Wie auch immer, ich werd mich erstmal weiter schleifen. Noch ist Aufgeben keine Option :|

Grüße,
simon
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Re: Kein Bock mehr...

Beitragvon Alauna am 23.04.2008, 16:14

Ich versuche noch irgendwie an die Russenmafia dranzukommen ;-)
Es ist in der Tat der Supergau, zumal man so herrlich machtlos gegenüber den Professoren ist.
Der bekannte Beurteilungsspielraum und zack bist du raus. Das Problem war, dass ich themenübergreifend in Völkerrecht und Strafrecht promoviert habe und mein Doktorvater (Völkerrechtler) den Strafrechtsteil nicht überblickt hat. Aber statt mal am Anfang mit einem Strafrechtler zu reden, ob das Thema so Sinn macht, gab es erst die Diskussionen im laufenden Prüfungsverfahren... Ich sah mich schon zwischen 2 sich anzickenden Professoren in der mündlichen Prüfung sitzen.

Aber dazu wird es ja nun nicht kommen *fluch*

Daher, wenn du "nur" in einem Rechtsbereich promovierst, sollte dir das nicht passieren.
Kopf hoch!

Zieh es durch, sag dir täglich *zu promovieren ist besser als 12 Stunden im Büro zu sitzen* und *wenn ich es geschafft habe, winken 20.000,- EUR mehr*

Nicht jedem passiert so ein Supergau wie mir!

Ich drück Dir die Daumen!
Alauna
 
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Re: Kein Bock mehr...

Beitragvon Mathilda am 23.04.2008, 16:48

Meine Güte, @Alauna :shock:

Da fehlen mir echt die Worte!

@Simon, hier kommt der A****tritt :wink: Hört sich für mich wirklich nach dem klassischen Problem an. Ich kenne das gerade auch, muss mich noch durchringen, den "Stand der Forschung" in eine abgabefähige Fassung zu bringen und es ist auch nicht gerade motivierend, weil der trockenste und vor allem fleißintensivste Teil. Und es ist noch soooooo viel... und ich glaube, genau das ist der Haken: Wenn man nicht anfängt, wird es nämlich nicht weniger :) Bin dazu übergegangen, mir kleine Häppchen vorzunehmen für jeden meiner Diss-Tage. Zusätzlich gibt es für jede Woche noch eine Mindest-Stundenanzahl, die ich vor dem Rechner verbringen MUSS. So funktioniert es für mich eigentlich ganz gut, wenn man Schrittchen für Schrittchen vorgeht, dann hat man Erfolgserlebnisse. Außerdem wende ich noch die Selbstbestechung an: Wenn ich einen Packen geschafft habe, gibts eine Belohnung (Kino, Therme, ein bestimmtes Buch, ein fauler Tag auf dem Sofa ohne schlechtes Gewissen....).

Viele Grüße und viel Erfolg!
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Re: Kein Bock mehr...

Beitragvon Meggy am 23.04.2008, 17:49

Hallo Simon,

bin zwar nicht von Deinem "Fach" (sondern Informatik) aber ich melde mich acuh mal zu Wort. Also: so wie Du erzählst, sind Deine Rahmenbedingungen EIGENTLICH doch toll - überschaubares Thema und veranschlagte 12-14 Monate :-) Auch dass Du ein "eigenes" Thema hast, sprich nicht etwas vollkommen dämliches aufgedrückt bekommen hast sowie einen DV mit tollem Ruf, ist nicht zu verachten. Also würde ich grundsätzlich sagen "beiß die Zähne zusammen, kämpf Dich durch und freu Dich in nem Jahr" ;-) (was gäbe ich für die Aussicht in nem Jahr EVTL fertig werden zu können ;-) - ich hab schon Luftsprünge gemacht als mein Betreuer meinte 2-3 Jahre wären möglich). Nur, wenn Du überhaupt gar keine Lust hast, Dich NICHTS mehr an Deinem Thema irgendwie begeistern kann und Du Dich so gar nicht mehr aufraffen kannst, dann hat es wohl keinen Sinn... Ich selbst bin noch ganz am Anfang. Habe das Glück ein Thema gefunden zu haben, das mich total begeistert UND habe einen weltklasse Betreuer - und trotzdem ist auch jetzt manches hier schon Kämpferei. Nicht jedes Buch liest sich gleich schön, deutsche Gestaltungs-Normen sind sowieso langweilig (also die die ich verarbeiten muss jedenfalls) und manchmal weiß auch ich nicht genau, was und wie nun zu tun ist. Aber dadurch dass mich eben mein Thema wirklich begeistert kann ich mich immer wieder aufraffen... und dann gibt es ja auch gute Tage, an denen man tolle Ideen hat, nette Gespräche mit dem Betreuer oder Komilitonen oder sogar mal ne Seite vor-vor-vorab-Version der Diss zu Papier bringt.
Was Dir das sagen soll? Wenn Du noch irgendwie ein klitzekleines bißchen Freude an Deinem Thema findest, dann beiß Dich durch, es kommen auch gute Tage. Ansonsten: lass es einfach und geh auf Job-Suche. Ich finde nicht, dass Du einen Dr machen solltest "nur" weil da bei Euch so ein Wahn herrscht - denn diese Art der Motivation reicht eher nicht aus, um auch wirklich durchzuhalten, zumindest würde sie das bei mir nicht....

Letztendlich musst Du selber wissen, wieviel Quälerei Du aushalten kannst, ob es DIR das Wert ist und ob es nicht evtl auch mal bessere Zeiten gibt (Zb wenn Du den ganz furztrockenen Kram mal hinter Dich gebracht hast). Und überhaupt: Du schreibst Du würdest gerne an Deiner Kernthese schreiben - tu das. Warum nicht? Es gitb meines Wissens keine Reihenfolge einzuhalten wenn man losschreibt. Vielleicht kannst Du Dich dann auch irgendwann besser zu dem "Pflichtkram" aufraffen, wenn ein Teil Deiner "Kür" schonmal auf dem Papier strahlt?

Also, falls da noch ein bißchen Motivation ist: hier der gewünschte Tritt in den Allerwertesten - raff Dich auf und schreib ;-)
Liebe Grüße,
Meggy

(Final Spurt 2012)

Keep calm and carry on!

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