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Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 04.07.2009, 10:24
von Koenigsportal
Bear hat geschrieben:Zeit ist höchstens eine halbe Woche.


jsolawis hat geschrieben:Die Erstellung einer Seminararbeit dauert i.d.R. 5 Tage, eine Diplomarbeit 10 Tage.


Dass ich mit meinen Arbeiten in der Regel mehr Aufwand betrieben habe, als viele andere und auch mehr als nötig, ist mir ja schon länger klar. Ich weiß auch, dass es durchaus machbar ist, eine Hausarbeit in ein paar Tagen hinzuhauen, hab ich auch schon geschafft. Aber ich bin doch etwas geschockt, dass hier Seminararbeiten regulär in 5 Tagen und Diplomarbeiten regulär in 10 ! Tagen geschrieben werden (egal, ob nun mit Vorarbeiten, wie bei Bear, oder ohne, wie bei jsolawis), und zwar offensichtlich auch von Fachfremden, die sich erst einmal in die Thematik 'reinwurschteln müssen. Sicher hat man irgendwann Routine, aber Forschung braucht immer Zeit. Während meines Studiums konnte man mindestens vier Wochen für eine Seminararbeit veranschlagen, wobei man obendrein schon drei Monate am Seminar teilgenommen und ein Referat gehalten hatte. Für eine Abschlussarbeit wird sicher nicht umsonst ein Rahmen von sechs Monaten gegeben, wobei die Leute oft schon eine ähnlich lange Vorlaufzeit haben und obendrein noch verlängern (zumindest, wenn sie nicht in einem extrem durchstrukturierten Studiengang stecken). Ich kenne nur wenige, die eine Magister- oder Diplomarbeit wirklich in der offiziellen Zeit fertiggestellt haben. Sicher verfolgen die auch ein anderes Interesse an der Forschung, aber ich frage mich schon, welche Qualität so eine in ein paar Tagen hingehauene Arbeit haben kann. (Ganz unabhängig davon, dass ich es unmöglich finde, so zu besch****.) Und vor allem finde ich es ziemlich bedenklich, dass so etwas dann durchgeht, vermutlich noch mit guten Noten, und damit ja auch ein Maßstab für Studium und Forschung gegeben wird. Aber dazu hatten wir ja schon das tolle Posting von wolf ...

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 04.07.2009, 10:44
von Bridget
Ich finde, man muss da auch unterscheiden. Es wollen ja nicht alle eine akademische Karriere machen mit den gekauften Arbeiten.

Ich will um Himmelswillen nicht fürs Sicharbeitenschreibenlassen plädieren! Aber...

ich habe in meinem Freundeskreis einen Fall gehabt, wo ich das echt verstehen konnte. Derjenige hat neben einem Vollzeitjob studiert, ein total praxisorientiertes Fach, in dem er praktisch total gut war, und hatte aber einfach kein Händchen für Hausarbeiten. Nicht, dass er sie nicht geschafft hätte, aber er war viel zu perfektionistisch, hat deshalb ewig dafür gebraucht, aber musste es ja alles abends und am Wochenende machen, das vertrug sich gar nicht. Also hat sich so einiges angesammelt, bis die Uni gedroht hat, ihn rauszuschmeißen, verlängern ging nicht, und die waren total unkooperativ. Da habe ich ihm auch geraten, sich doch die Arbeiten schreiben zu lassen, die er zeitlich auf keinen Fall mehr schafft. Weil ich sicher war, dass er sie auch selber schaffen würde, wenn er die Zeit hätte, das Fachwissen war ja da.

Klar kann man auch sagen - hey, wenn Du zu lange brauchst, hast Du den Abschluss nachher auch nicht verdient, aber ich finde halt, es gibt eben solche Grenzfälle, wo es auch nicht "fair" wäre, wenn er dann wegen ein paar fehlender Arbeiten von der Uni geflogen wäre, obwohl er bewiesen hat, dass er faktisch super ist in dem Job. Und er wird in seinem weiteren Berufsleben garantiert keine einzige wissenschaftliche Arbeit mehr schreiben müssen, das war wirklich nur ein Pflichtteil für die Uni.
Die Diplomarbeit hat er übrigens dann komplett selbst geschrieben, mit Beratung von mir...

Ich weiß nicht, ob das irgendwas sinnvolles zu der Diskussion beiträgt, aber ich wollte nur mal von der anderen Seite her sagen, dass es nicht zwangsläufig herzlose, karrieregeile Betrüger sein müssen, die sich was schreiben lassen, sondern manchmal hilft man auch einem ganz lieben Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs, der es wirklich nicht böse meint und daraus auch keinen Profit schlägt.

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 04.07.2009, 15:10
von Didy
Hi,
sehr spannende Diskussion..

Mich würde eins interessieren:
Wie schätzt ihr denn die Prozentzahlen derer ein, die Schreiben lassen ?

Ich kann das ganz schwer einschätzen, würde aber auf 20 - 30 % tippen einfach mal aus der Luft raus..

edit: Wow, bin gerade ziemlich geschockt. Ist ja unglaublich, wieviele Firmen es da gibt. Ist da nicht die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung zu groß, ich meine ,,ihr" schickt doch der Firma den Auftrag oder läuft das komplett anonym?? Ist doch auch ganz unmoralisch betrachtet die Chance zu groß, dass das wie auch immer rauskommt...

(in meinen Agenturen habe ich übrigens alleine die Dinger geschrieben, bei Diplomarbeit erst Expose, das hat der Kunde dann dem Prof. vorgelegt und dann weitere, meistens drei Teile..Doktorarbeit gibt übrigens auch für 3500 Euro in einem Zeitraum von 3 Monaten..) und bin schier zerflossen vor schlechten Gewissen!!!!!!!!


Wie muss man sich das vorstellen?
Man gibt einem da 400 Euro und bekommt in 3 Monaten ne komplette Diss?
Das ist doch irgendwie verrückt, allein die Möglichkeit pervertiert jegliche wissenschaftliche Leistung.
Wie ich gerade gelesen habe, ähnlich dem Doping beim Sport...
Was macht man dann die 3 Jahre, lässt sie allein rumliegen?
Muss meine Vermutung doch auf 5% runterstufen, kann mir einfach nicht vorstellen, dass das mehr als 10% bringen..

Didy

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 04.07.2009, 15:21
von Koenigsportal

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 04.07.2009, 15:37
von Didy
@Koenigsportal:

Interessante Links...

Mhhh, schon irgendwie nicht spassig das Ganze.
Vor allem finde ich die Artikelaussagen sehr fraglich, im Endeffekt heißt das: ,,Viele machens, keinen interessierts"

@jsowalis und bear:
Euch als Dazuverdiener kann ich eher verstehen als diejenigen, die das in großem Stile in Auftrag geben. Trotzdem würde mich interessieren, was wenn die Firma einfach mal ein paar Namen an die große Glocke hängt, weil sie insolvent geht oder was weiß ich. Das würde ja evtl. einigen Profs die Stelle kosten?

Bei Seminararbeiten habe ich da teilweise Verständnis, aber bei Diplom- und Doktorarbeiten ists schon hart. Ein eventueller Multimillionär gibt halt dann mal 30 000, da strengt sich ein Ghostwriter sicher etwas an dafür..

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 05.07.2009, 14:53
von Bear
Hi!

Also zu denen, die ihre Arbeiten schreiben lassen: Mein Eindruck war, dass es sich dabei zum Teil um Berufstätige handelt, die keine Zeit und kein Bock zum selber schreiben haben und an Fernuis studieren. Ein anderer Teil sind "Verzeifelte", die das alleine nicht hinbekommen. die meisten waren sehr dankbar und höflich. Ich hatte erst ein mal einen, der "mitwursteln" wollte und das war eine Kathastrophe!!! Er war leider etwas dumm und es gab riesiges Chaos.
Als Ghostwriter (und das ist glaub ich agenturübergreifend so, ich habe für 5 verschiedene geschrieben) erhält man nur den Auftrag, Titel, evtl. Literaturwünsche (aber selten), Umfang und Art der Arbeit. Keine Angaben über die Institution oder wie der Prof heisst. Wenn der Kunde noch Anmerkungen hat, z. B. Dankbarkeit oder so was, dann wird einem das per Email mitgeteilt.

Zu den Profs: die kriegen das natürlich nicht mit, weil der Student ja mit dem Expose oder dem Textteil zu ihm kommt und behauptet, er hätte das geschrieben. Erstaunlicherweise ist es wirklich so, dass das Bestehen von Arbeiten unabhängig vom Prof ist! Ich mein ich wusste nie, wer der Prof oder die Uni war und die Kunden haben immer alles bezahlt, d. h. anscheinend war es okay.

Zu den geschriebenen Doktorarbeiten: also ich habe da nie eine angenommen, es waren aber öfter welche ausgeschrieben, eben für 3500 Euro. Ohne Literaturangaben oder Daten, nur Titel. Ich vermute, dass die Leute solche Arbeiten längst angemeldet haben und keine Lust hatten, sie zu schreiben. sie zeigen dem Prof. dann halt auch die drei verschiedenen Teile.

Man kann auch als Laie Diplomarbeiten in 2 Wochen alleine schreiben, wenn man sich mit einem gewissen Stil ausdrückt. Das ist so ziemlich das gleiche wie wenn ein Journalist über ein ihm fachfremdes Thema berichtet oder ein Lektor Fachtexte korrigiert bzw. ausbessert. Ich brauche für eine Seminararbeit a 15 Seiten einen Tag, d. h. so 7-8 Stunden, auch wenn es nicht meine Fachrichtung ist. Ich überlege mir dann recht schnell eine Fragestellung und drücke das so aus, als ob es sich dabei um ein krasses Problem handelt. Es hat sich noch nie jemand beschwert.
Ich hätte das mit dem Ghostwriting auch nicht gemacht, wenn ich nicht meine Wohnung in meiner Heimatstadt aufgegeben hätte und die Bücherei ist ja warm und beheizt und ich konnte dort eben meine Zeit verbringen, bis jemand von meinen Freunden am Abend Zeit hatte.

Ich finde Ghostwriting unmoralisch, logisch, ich finde auch das legale Durchwursteln unmoralisch, mit auf Kumpel machen oder Ausschnitt. Ich weiss nicht, ob man die Leute, die das schreiben lassen, verurteilen sollte, z. t. kann ich es verstehen und zum Teil denke ich eben, dass es unfair denen gegenüber ist, die auch in Notsituationen sind und es sich nicht leisten können.

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 06.07.2009, 07:53
von manutl
Hallo nochmal,

so ganz verstehe ich das immer noch nicht. :roll:
Wenn ich mal meine beiden Fächer (Pädagogik und Statistik) betrachte, dann ist der Arbeitsstil und auch das Aussehen von Diplom- oder Doktorarbeiten sehr unterschiedlich.
Und wie stellt ein Ghostwriter es an, dass er Experimente oder Befragungen macht oder gibt es das nur bei Arbeiten ohne solchen Aufwand?
Grüße in die Runde,
manutl :D

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 06.07.2009, 10:27
von AniraX
Hallo zusammen,

sehr interessantes Thema. Didy hat mich auf eine sehr interessante Überlegung gebracht:

Mal abgesehen von moralischen Aspekten: Müssen die Käufer nicht ein Leben lang Angst haben, dass sie auffliegen, z.B. weil die Agentur pleite geht, die Daten geklaut werden...? Außerdem sind sie erpressbar. Stellt euch mal vor, jemand lässt seine Diplomarbeit schreiben, ergattert danach einen tollen Job und macht Karriere. Den zu erpressen wäre doch ein leichtes, oder? Unabhängig von der moralischen Seite hätte ich viel zu viel Angst, dass mich das für ewig verfolgt...

LG

Anira

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 06.07.2009, 16:12
von claudia
...mir fällt zu diesem thema, abgesehen von der moralischen diskussion, noch ein gedanke ein (betrifft vor allem die ghostwriter selbst);

wir reden in der ganz diskussion um arbeitsmarkt, stellensituation, problem qualifizierter bewerber ohne stelle, etc. doch immer von abgrenzungsmerkmalen zu anderen, vorteilen ggü anderen (zum beispiel durch sehr gute studienleistungen,) ...blabla

vor allem bears aussage, liess mich hochschrecken: :shock:

Ich hatte erst ein mal einen, der "mitwursteln" wollte und das war eine Kathastrophe!!! Er war leider etwas dumm und es gab riesiges Chaos.


und dieser "dumme" läuft dann auch als jurist, dipl-betriebswirt, dipl-irgendwas durch die gegend???? das diskreditiert doch eine ganze berufssparte??!!!
da schreibt man als diplomierter (gar promovierter) einem anderen eine solche arbeit und dieser hat dann den gleichen abschluss (ggf. sogar ganz gut, je nach qualität der nicht-selbst verfassten arbeit) oder gar titel und "rutscht" mit dieser (ausschließlich) formalen voraussetzung in den gleichen topf bei bewerbungen (um was auch immer, stipendien, stellen, etc) wie der "echte" autor???

klar müssen sich solche leute auch erst in der praxis beweisen, aber den ZUGANG zu einer stelle xy hat man ja auch durch seinen abschluss erlangt...

@bridget: ich kann deine argumentation sehr gut vollziehen, gerade wenn es sich um einen guten freund handelt, wenn aber einem das wissenschaftliche arbeiten (im rahmen eines studiums) nicht liegt, dann sollte man doch eher das studieren sein lassen; ggf. eine ba-studium oder ausbildung machen; wenn man gut in der praxis ist, kann man sich doch genauso gut bewähren und "hocharbeiten", oder??

etwas verwirrte grüße in die runde :roll:

claudia

Re: Nebenjob als Ghostwriter?!

BeitragVerfasst: 06.07.2009, 16:21
von Bridget
@Claudia
Du hast schon recht, den Fall, den ich meinte, kann man sicher nicht verallgemeinern. Ich wusste bei ihm halt, dass er die Arbeiten auch selber geschafft hätte, er hat auch "genug" selbst geschrieben (zumindest mehr als ich in meinem kompletten Studium schreiben musste...), von daher fand ich es in der speziellen Situation vertretbar. Er hätte auch Urlaub genommen und das selber durchgezogen, aber der Arbeitgeber war ähnlich unkooperativ wie die Uni, und irgendwann war dann nur noch Panik, dass sie ihn so kurz vor dem Ziel rausschmeißen. Und die Diplomarbeit hat er ja selber geschrieben.

Nicht desto trotz: Natürlich ist es eigentlich ein Unding, dass es sowas überhaupt gibt, auch wenn es manchmal jemandem hilft, der es "verdient" hat.