Dauermotivationstief

Fragen aus der laufenden Arbeit an der Dissertation.
Literatursuche, Motivationsprobleme, Lehrtätigkeit, Ärger mit dem Prof u.v.m.

  • Anzeige

Endlosschleife

Dauermotivationstief

Beitragvon Endlosschleife » 15.01.2011, 23:46

Hallo!

Ich muss mir Folgendes einfach mal von der Seele schreiben. Vielleicht gibt es hier Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden oder befanden und die mir einen Ratschlag geben können.

Ich bin Naturwissenschaftlerin und habe, vor mittlerweile 4,5 Jahren! ganz "traditionell" an einer Universität in einer Arbeitsgruppe angefangen, zu promovieren (finanziert durch eine Drittmittelstelle). Von Anfang an gab es Probleme. Ich hatte das Gefühl, dass mein Thema nicht gerade zu den Lieblingsgebieten meines Dr.vaters gehörte. Mir wurde von allen Seiten gesagt, dass ich das überinterpretiere und dass Eigenmotivation das A und O wäre. Das habe ich mir auch lange Zeit eingeredet. Anfangs war ich voll motiviert, 12-14 Stunden Tage waren die Regel. Mit meinen Kollegen bin ich immer gut zurechtgekommen, aber ich war thematisch (also nicht persönlich) immer Außenseiter, der Austausch in Seminaren etc. fand praktisch nicht statt, weil die Anderen thematisch doch weit weg waren.

Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch und wenn ich die Veröffentlichungen so lese, die in meinem Feld von den "Alpha-Tieren" geschrieben werden, bekomme und bekam ich stärkste Komplexe. Irgendwie fühlte ich mich immer so "unzureichend". Auch objektiv gesehen lief es zunehmend schlechter: die finanziellen Möglichkeiten wurden immer mehr eingeschränkt, als mein Dr.vater merkte, dass das Thema sich nicht in seine Richtung entwickelte - ich meine bei praktisch-experimentellen Arbeiten KANN man das NIE voraussagen. Persönlich habe ich mich dann auch hängen lassen, hatte mehrere depressive Phasen mit richtigen Panikattacken. Ich habe trotzdem nicht aufgehört - nie daran gedacht. Das wäre ja versagen und dass von einer Top-2%-Studentin/Schülerin etc. Meine "Beruf" war immer alles für mich, da kein richtiges Privatleben vorhanden ist/war.

Es ist einfach total bitter: Jetzt wurde auch noch mein allererstes Paper (nach Ewigkeiten endlich fertiggestellt, nach Jahren hat sich mein Dr.vater erbarmt, daran zu arbeiten) im peer-review Verfahren abgelehnt und zwar "ganz knapp" mit einem absolut positiven Review! Ich war am Boden zerstört. Während der Arbeit an PaperII hat sich herausgestellt, dass sich ein, sagen wir mal, mittelschwerer Denkfehler in meiner Versuchskonzeption eingeschlichen hatte. Nicht dass ich den Fehler auf andere Leute schieben will, aber bei allen erbettelten Besprechungen, bei allen meinen Vorträgen - ist das nie jemandem (Dr.vater, Kollegen) aufgefallen! Jetzt bin ich natürlich die "doofe Doktorandin". Ich habe so Angst, kann nachts nicht schlafen, sitze zitternd vor meinem Laptop. Ich habe Angst, dass die ganzen Jahre umsonst waren. Außerdem sind die Berufsaussichten in meinem Bereich (egal ob promoviert oder nicht) außerhalb der Uni auch nicht gerade rosig: Wer stellt da schon einen "Versager" ein? Bei Vorstellungsgesprächen fühle ich mich anderen Menschen deutlich unterlegen, fühle mich als Hochstaplerin, die gar nichts kann und ich denke, dass das unbewusst rüber kommt.

Der ganze Schreibprozess käme theoretisch auch noch auf mich zu und ich kann schon jetzt nicht mehr - allerdings so "knapp" vor dem Ziel bzw. nach fast 5 Jahren einfach aufgeben - da kann ich doch gleich den Hartz4 Dauerantrag stellen. Ich werde auch nicht mehr bezahlt, Stipendium kann ich bei meinen "Leistungen" vergessen, lebe von Erspartem und 400 Euro Job in einer teuren Großstadt.

Vielleicht lesen hier einige Menschen mit, die noch NICHT mit einer Promotion angefangen haben. Überlegt es Euch gut! Auch bei "festgelegten" Themen mit sicherer Finanzierung in den Naturwissenschaften, kann es gründlich nach hinten losgehen. Ich würde meine jetztige Situation nicht meinem argsten Feind wünschen. Ich fühle mich so unendlich wertlos.

Vielleicht hat jemand Erfahrung (Naturwissenschaftler), wie es aussieht mit "Promotion ohne veröffentlichter Publikation" - ist man von Vornherein auf ein Nichtbestehen oder ein "rite" festgelegt?

Mein Beitrag ist etwas zusammenhanglos geworden - das ist mir bewusst und ich möchte mich dafür bei allen Lesern entschuldigen.

Viele Grüße
die verzweifelte Endlosschleife

Anzeige

Benutzeravatar
Taavi
Geschlecht: nicht angegeben - nicht angegeben
Beiträge: 85
Registriert: 08.03.2010, 10:36
Status: schreibend

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon Taavi » 16.01.2011, 10:18

Hallo Endlosschleife,
das hört sich ja gar nicht gut an :(

Ich bin kein Naturwissenschaftler und habe deshalb keine Erfahrungen, wie es mit der Beurteilung ohne Veröffentlichung laufen würde, aber
beim lesen ist mir etwas anderes in den Sinn gekommen: Ganz schnell Hilfe holen!
Depressive Phasen hat jeder mal, aber sobald es in Richtung Panikattacken, schwerwiegende Schlafstörungen geht und sich der Stress auch physisch bemerkbar macht, sollte nicht mehr die Promotion, sondern erstmal wieder du selbst im Vordergrund stehen. Mit so etwas ist nämlich nicht zu spaßen. Gibt es an deiner Uni eine Psychosoziale Beratungsstelle an die du dich wenden könntest? Ich kenne sehr viele Leute, die damit ausschließlich sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Der Blick von außen von einer geschulten Person kann unglaublich hilfreich sein und du kannst lernen, wie du mit deiner akuten Angst besser umgehen kannst. Ständig unter Stress zu stehen und zu grübeln ist nicht nur ungesund für dich selbst sondern auch kontraproduktiv für deine Arbeit.

Zur Finanzierung: Auch wenn du deine "Leistungen" als nicht Stipendiumswürdig ansiehst - bewirb dich trotzdem um eine Abschlußförderung! Man weiss nie, ob es nicht doch klappen könnte und dann wärst du zumindest die finanziellen Sorgen los. Außerdem ist eine Bewerbung eine gute, aktive Strategie, um sich selbst zu zeigen, dass man an der Situation arbeiten kann und nicht komplett von ihr beherrscht wird. Steck dir selbst kleine Ziele, die du Schritt für Schritt erreichen kannst, auch für den anstehenden Schreibprozess. Und mach deine Entscheidung, ob du weiter machst oder nicht, nicht von anderen abhängig, weil du denkst, sie sehen dich als "die dumme Dokorandin". Jetzt bist du so kurz vor dem Ziel! Und wenn du Hartz4 beantragen musst, na und? Sieh es als Stipendium vom Staat :wink: Lass dich nicht von den Veröffentlichungen der "Alpha Tiere" verrückt machen. Ich hab damit weitesgehend aufgehört, mich darum zu kümmern, was andere machen und konzentriere mich nur noch auf meine eigene Arbeit. Such dir Verbündete, die dir gut tun: Liebe Freunde, die vielleicht gar nichts mit deiner Promotion zu tun haben, mit denen du einen festen Termin in der Woche hast und die einen ein bisschen erden. Oft merkt man erst dann wieder, dass es noch eine andere, entspannte Welt außerhalb der Uni gibt. Und am allerwichtigsten: Du bist nicht wertlos, "nur" weil du Schwierigkeiten in der Situation als Doktorandin hast! Ich weiss, man steckt viel Herzblut in die ganze Sache, aber was mich als Menschen ausmacht ist bestimmt nicht meine Diss! (Höchstens ein kleiner Teil... :wink: Auch wenn man sich stark darüber identifiziert.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen und dass es bald wieder aufwärts geht!
Alles Gute!

cine

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon cine » 16.01.2011, 12:32

Hallo Endlosschleife,

das kommt mir ziemlich bekannt vor, was du da schreibst...
Ich habe ebenfalls ein "Randthema" bearbeitet, das an meinem Lehrstuhl niemanden interessiert hat, die zugehörigen Industriepartner haben zwar Output eingefordert, aber selbst keine Zeit und Aufmerksamkeit investiert. Bei mir kamen noch private Probleme dazu, und mein Anspruch an mich selbst war ähnlich wie deiner - "Top-2%-Studentin/Schülerin, Meine "Beruf" war immer alles für mich".
Ich bin nach exakt drei Jahren mit einer fetten Erschöpfungsdepression ausgestiegen. Krankschreibung über mehrere Monate, Medikamente, Therapie. Danach habe ich noch den Projektabschlussbericht geschrieben, den ich als Grundlage für meine Diss verwendet habe, so dass ich jetzt, ein Jahr nach meinem Wiedereinstieg, in der letzten Korrekturrunde bin und davon ausgehe, 2011 abschließen zu können.
Will heißen: Du bist nicht die einzige, die in einer solchen Situation landet, ich kann dich gut verstehen. Meiner Meinung nach solltest du dir aber professionelle Hilfe holen. Das tut weh, man fühlt sich erstmal erst so richtig als Versager, aber es lohnt sich. Keine Promotion der Welt ist es wert, dass du daran kaputtgehst. Sorg erstmal für deine Gesundheit, danach kannst du immer noch schauen, ob und wie du die Doktorarbeit zuende bringst.
Wir können gerne über PN weiterreden, wenn es dir hilft.

LG cine

perrinchen

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon perrinchen » 16.01.2011, 15:30

Hi,
also die Zweifel kenne ich auch und meine Arbeit ist auch so eine Randgruppen-Arbeit, dass ich mich nicht richtig austauschen kann und den Verdacht habe, dass mein Prof recht wenig Ahnung von dem Thema hat. (und diese Aussage hätte ich noch vor einiger Zeit ums Verrecken nicht machen können weil ich überzeugt war, dass alle anderen so viel besser und toller sind als ich)

Bei einem muss ich cine voll und ganz zustimmen:
Keine Promotion der Welt ist es wert, dass du daran kaputtgehst.


Und das mit dem Gefühl hochzustapeln kenne ich auch, ABER: das haben ganz viele Leute - vor allem Frauen. Der Punkt ist aber, die anderen wissen auch nicht mehr und sind auch nicht besser, die tun nur so als ob. Interessant fand ich in dem Zusammenhang auch eine Interview mit Frau Doris Schröder-Köpf, die so ungefähr folgendes erzählt hat:
Auf die Frage nach Erinnerungen an bedeutsame Menschen aus dem öffentlichen Leben hielt sie sich mit Namensnennungen zurück und gab nur so viel preis: Sie habe viele „Scheinriesen“ erlebt. Männer, die in den Schlagzeilen die vorderen Plätze beanspruchen, und die sie dann nächtens weinend am Telefon gehabt hätte. Alles zu viel, Ehe kaputt, Seele verdorrt. Ein Riese, zusammengefallen zu einem Häuflein Elend.
(den Artikel selbst finde ich nicht mehr, das Zitat habe ich von hier: http://www.nachrichten.at/nachrichten/meinung/haiden/art13342,521876 )

Und Fehler unterlaufen uns allen! Geht mir auch gerade so. Und ein abgelehntes Paper kann man beim nächsten Journal wieder einreichen. Und nur weil man die Doktorarbeit abgebrochen hat ist man noch lange kein Versager. Es ist ja schon ein Beweis, dass man gut ist, dass man überhaupt damit angefangen hat / die Stelle bekommen hat. Gerade wenn wie bei dir die Umstände alles andere als förderlich sind. Ein Beispiel dafür sind auch die Mengen an hochbegabten Underachievern, die es gibt. Deswegen bist du aber noch lange nicht "weniger Wert".

Im Privatleben läuft bei mir auch nicht viel, aber ich hab doch so ein paar Dinge (etwas Sport, Musik, Kaffeetrinken & Skypen mit Freunden), die mir ganz wichtig sind, weil ich sonst Gefahr laufe eine berufliche "Niederlage" als persönlichen Untergang zu betrachten (und überhaupt gelegentlich mein Leben für total langweilig und doof zu halten ;) ).

Was mir in so Situationen auch noch ein bischen hilft (was zugegebenermaßen schon so ein bischen esotherisch klingt/ist, aber so lange es hilft....) ist, mir vorzustellen wie toll es sein wird, wenn ich die Diss fertig habe. Wie stolz ich sein werde wenn ichs geschafft habe usw. Ich weiß, klingt doof, aber manchmal hilfts. Und wenn ich mich besser fühle, dann kann ich auch wieder besser was "sinnvolles" unternehmen um an der Lage etwas zu ändern.
Ansonsten ist professionelle Hilfe sicher ein guter Rat. Ich meine dafür sind die ja da - um Leuten zu helfen. Es ist ja auch so, dass das deutsche Promotionssystem von vielen Seiten aus genau dem Grund, dass so ähnliche Situtationen zuhauf entstehen, von vielen Seiten angefeindet wird. Nur wagt es (noch) keiner daran etwas zu ändern. Es liegt als ganz ganz sicher nicht nur an dir!

Hm, ich hoffe mal, dass da jetzt irgendetwas von meinem "Geschreibsel" vielleicht ein bischen tröstlich ist...
lg perrinchen

Anzeige

GrafLukas

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon GrafLukas » 16.01.2011, 17:51

Ich würde dir auch empfehlen, über professionelle Hilfe nachzudenken, bevor du dich selbst kaputt machst. Außerdem musst du dir vielleicht eine kleine Auszeit nehmen, um dich selbst wieder zu finden - egal ob mit oder ohne Beratung. Ich habe in meinem Bekanntenkreis festgestellt, dass sich viele Menschen - möglicherweise Frauen sogar häufiger als Männer - sehr über ihre berufliche Leistung und Noten definieren. Das klingt in deinem Posting auch etwas an: "Top 2%-Studentin", "Stipendiatin", "Krise weil Paper abgelehnt". Das muss nicht sein. Was macht denn das Privatleben? Hast du Freunde, die dich deiner selbst willen schätzen? Wenn ja, lass dich von ihnen auffangen; wenn nein: Siehe oben, dann solltest du das mal eine Weile in den Mittelpunkt stellen.
Ich bin überzeugt, dass du dir selbst einfach mehr zutrauen solltest. Ein Rückschlag muss nicht das Ende sein, und Stress kann einen paranoid machen. Sieh die positiven Dinge: Deine Kollegen schätzen dich, du hast ein "eigenes" Thema, das ist doch auch etwas, worauf man stolz sein kann. Und wenn du jetzt einen Denkfehler gefunden hast: Einerseits ärgerlich, andererseits besser spät als nie.

Also Kopf hoch, spann etwas aus und überlege dir, wie du weitermachst. Gib dich nicht auf, sondern vertraue deinen Fähigkeiten! Das wird schon!

Wierus
Geschlecht: nicht angegeben - nicht angegeben
Beiträge: 387
Registriert: 11.05.2009, 20:43
Status: eingereicht

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon Wierus » 16.01.2011, 19:37

perrinchen hat geschrieben:Es ist ja auch so, dass das deutsche Promotionssystem von vielen Seiten aus genau dem Grund, dass so ähnliche Situtationen zuhauf entstehen, von vielen Seiten angefeindet wird. Nur wagt es (noch) keiner daran etwas zu ändern.

Wenn die Änderungen zB. darin bestehen würden, dass extern Promierende den offiziellen Studentenstatus behalten, wäre das tatsächlich ein erster Schritt zur Verbesserung der Situation.

nmr_psi

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon nmr_psi » 16.01.2011, 20:27

Liebe Endlosschleife,

mit einiger Betroffenheit habe ich Deinen Beitrag gelesen und wünsche Dir vor allen Ratschlägen zuerst einmal, dass es sich bald bessern möge - egal wie. Deine jetzige Situation ist sicherlich nicht für einen Dauerzustand geeignet.

Start irritiert war ich aber mein Satz "Das wäre ja versagen und dass von einer Top-2%-Studentin/Schülerin etc. Meine "Beruf" war immer alles für mich, da kein richtiges Privatleben vorhanden ist/war.".

Wohl ist es so, dass nach dem Abschluss des Studiums und Beginn eigener Forschungen zunehmend die Karten neu gemischt werden. Bestand das alte Lernmodell im Studium noch aus einer schnellen Auffassungsgabe und viel auswendig gelerntem Wissen, so ist mit solchen Fähigkeiten in der Forschung oft nur noch wenig anzufangen. Hier sind andere Eigenschaften oft wichtiger und diese lassen sich nur bedingt "anlernen". Es gehören auch sehr viele psychische Faktoren hinzu wie Stressresistenz.

In den vorherigen Beiträgen tauchten immer wieder verschiedene Vergleiche zu anderen Situationen auf. Ob nun Frauen oder Männer eine wesentlich höher Hoch- oder Tiefstapelneigung haben, sei einmal dahingestellt. Das führt nicht weiter. Das "Verkaufen" der eigenen Resultate gehört in der Wissenschaft jedoch sehr wohl zum Tagesgeschäft, ob als Person oder Publikation. Hierbei gibt es immer wieder Rücksckläge, aus denen man aber auch gut lernen kann. Mein erstes Paper bekam auch schlechte Kritik und musste grundlegend überarbeitet werden. Auch damals fühle ich mich sehr zerstört, denn es war auch ein langer Kampf gewesen mit vielen Überarbeitungen und teilweise neuen Experimenten. Das ist vielleicht normal. Das geht vorüber und mit der Zeit nimmt man das auch immer gelassener. Persönlich darf man die Kritik niemals nehmen, denn es wird ja nur die Arbeit kritisiert. Du als Person stehst dabei völlig aussen vor, Dich greift ja gar niemand an. Das muss man sich immer und immer wieder sagen, auch wenn das - die Erfahrung musste ich leider auch machen - nicht einfach ist. An den Kollegen sollte man sich hierbei gar nicht gross orientieren. Auch der akademische Betrieb (vielleicht der erst recht) lebt von Eitelkeiten und oft nicht allzu ehrlicher Kommunikation.

Um diese Trennung von Person und Arbeit aber gut zu leben, bedarf es schon einen sehr deutlichen Trennung von Beruf und Privatleben. Und zweites muss auch existent sein, um Krisen im Beruf auffangen zu können und nicht zur Existenzkrise auswachsen zu lassen. Gerade dies scheint mir aber bei Dir der Fall zu sein. Es wurde von den anderen Beiträgen bereits angesprochen: Auch ich möchte Dir dringend zu einem Gespräch mit der psychologischen Beratungsstelle Deiner Uni raten, oder auch einem anderen Psychologen. Das Internet ist in diesem Fall zu unpersönlich für eine ganzheitliche Hilfe und gerade dieser bedarf es, wenn Du keinen dauerhaften Schaden erleiden willst. Gib Dich bitte nicht dem Wunsch hin, diese Phase einfach zu "durchleben" in der Hoffnung, dass es schon "irgendwie" gehen könnte. Das wird nicht der Fall sein. Depressionen sind eine sehr ernste Sache, die man aber auch ganz gut mit Therapien unter Kontrolle bekommen kann - wichtig ist dafür aber, dass Du Dir das auch selber eingestehst. Die hohe Selbstmordquote von Männern wird manchmal gerade damit in Zusammenhang gebracht, dass Gefühle meistens kein Thema sind, zeitgleich aber sehr hohe Leistungsforderungen bestehen.

Aus eigener Erfahrung ist es ganz wichtig, dass man den Sonntag (oder einen anderen Tag in der Woche) "wissenschaftsfrei" hält und möglichst etwas soziale Kontakte pflegt (idealerweise nicht gerade die Kollegen aus dem Labor, sonst ist das Gesprächsthema klar). Sonst leidet das Privatleben und dieses lässt sich anschliessend auch nicht mehr richtig aufbauen. Den Computer als Kommunikationsmittel lasse ich nicht gelten, wenigstens einen Tag in der Woche muss er schweigen und auch alle E-Mails warten; das kann man lernen, denn sonst brennt man irgendwann aus. Versuch irgendwie wenigstens regelmässige Mittagessen oder gemeinsame Spaziergänge zu realisieren. Irgend jemand findet sich sicherlich schon. Wenn Du in der Vergangenheit natürlich alles vernachlässigt hast, braucht es schon etwas Eigeninitiative das Privatleben wieder aufzubauen. Und wenn gar nichts geht, könntest Du ein regelmässig Konzerte oder Museen besuchen. Hauptsache raus und andere Gedanken. Die Vorausplanung beim Konzert hat den Vorteil, dass die Karten meistens nicht so ganz einfach erhältlich sind und man gezwungenermassen den Abend auch wirklich dafür reserviert.

Ich wünsche Dir von Herzen baldige Besserung.

Liebe Grüsse

nmr

Endlosschleife

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon Endlosschleife » 16.01.2011, 22:09

Hallo!

Vielen lieben Dank für alle Eure Antworten - damit hätte ich gar nicht gerechnet :D ! Alleine zu merken, dass man nicht alleine ist tut sehr gut!
Das mit der psychosozialen Beratungsstelle ist wirklich eine gute Idee - da wäre ich selbst nie drauf gekommen. Vielleicht traue ich mich wirklich dort anzurufen. Zu einem Arzt zu gehen und nach einer "Überweisung" zu einem Psychotherapeuten zu fragen (oder wie immer das auch läuft) habe ich mir tatsächlich schon öfter überlegt, bzw. wurde mir von meinen Eltern angeraten, aber ich habe das nie in die Tat umgesetzt. Irgendwie denke ich, ich habe dazu kein "Recht", andere Menschen haben die "wirklichen Probleme" (Gewalterfahrung, schwere Krankheit etc.).

Viele von Euch haben irgendwie schon "ins Schwarze" getroffen - in der Tat nehme ich sachliche Kritik z.T. persönlich, was aber auch damit zusammenhängt, dass mein "geliebter" Dr.vater-Guru immer persönlich auf mich abgezielt hat von wegen ich würde nicht genug arbeiten, XY (irgendein Vorgänger, den ich nicht mehr fragen konnte) hätte dieses Verfahren schließlich schon etabliert und es "MUSS einfach funktionieren". Also immer diese unterschwelligen Vorwürfe, ich wäre zu "blöd". Ich denke, er wolle auf diese Weise das "Maximum" aus mir herauspressen - z.T. mit Erfolg - von den mir zustehenden Urlaubstagen, habe ich immer nur so 1/5 genommen - der Rest ist verfallen.

Auch war ich ziemlich intensiv in die Betreuung von Studenten einbezogen (komplett neues Praktikum konzipieren und alle Versuche testen), außerdem habe ich einen Laborumzug "mitgemacht". Dadurch und durch weitere Dinge, habe ich viel Zeit verloren (aber meinen Kollegen ging es da nicht anders und die waren teilweise trotzdem schneller, v.a. lief es besser beim Publizieren).

Was mein Paper betrifft: Das ist eine schwierige Sache. Wenn es nur so einfach wäre: Reviews genau lesen, Daten überarbeiten (kann ich nur theoretisch, praktische Experimente kann! ich nicht mehr machen!) in "Journal" mit niedrigerem "impact factor" einreichen - warten und hoffen. Leider ist das bei mir vielschichtiger - ganz genau weiß ich es nicht, aber mein Dr.vater hat da soetwas angedeutet, dass es sich um "politische Dinge" sprich privaten Kleinkrieg handelt. Genau aus diesem Grund war er (also mein Dr.vater) auch nicht bereit, an den Editor zu schreiben (hatte ich vorgeschlagen, da das "Hauptargument" mit dem das Paper abgelehnt wurde, wissenschaftlich schlicht falsch war und es relativ einfach gewesen wäre das klarzustellen. Man hätte das Ganze ja diplomatisch formulieren können, um den Editor nicht zu brüskieren ...) Ich bin einfach so genervt, dass bei mir "Alles" zusammenkommt (ist natürlich nur meine subjektive Einschätzung).

Klar Studium und praktische wissenschaftliche Arbeit sind 2 Paar verschiedene Stiefel und im sogenannten "networking" bin ich auch extrem unbegabt (auch weil ich sehr pessimistisch, wenig selbstbewusst und anscheinend ziemlich naiv bin). Aber die wissenschaftliche Arbeit hat mir z.B. während der Diplomarbeit sehr viel Spaß gemacht und ich habe auch eine durchaus knifflige Methode für meinen Bedarf modifiziert, also nichts mit "einfach reproduzieren". Mittlerweile bin ich da zwiegespaltön: Ich fühle mich, wie bereits geschrieben, als miserable Wissenschaftlerin. Andererseits bin ich immer wieder verblüfft, wenn ich mit Kollegen, die sich rühmen Experte im Bezug auf eine bestimmte Methode zu sein, diskutiere. Es kam öfter vor, dass ich total beglückt war, dass ich einen "Termin" beim "Experten" hatte und dann feststellen musste, dass dieser mir in meinem Fall gar nicht wirklich weiterhelfen kann und genau an dem Punkt scheiterte, an dem ich auch vorher bereits gescheitert bin.

Das mit dem "Hochstapler-Komplex" war mir bis jetzt unbekannt. Ich werde gleich mal googeln. Das ist ja interessant!

Oh - Jetzt ist mein Beitrag schon wieder ziemlich lang und unzusammenhängend geworden. Ich möchte mich außerdem für meine Rechtschreib und Tippfehler entschuldigen. Ich bin in Sachen "Forenkommunikation" nicht so bewandert, normalerweise lese ich nur mit - das ist eine der wenigen aktiven Beteiligungen meinerseits.

Dankeschön und viele Grüße
Endlosschleife

Amalia
Geschlecht: nicht angegeben - nicht angegeben
Beiträge: 420
Registriert: 05.02.2009, 10:16
Status: verteidigt
Danksagung erhalten: 2 Mal

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon Amalia » 16.01.2011, 22:30

Das angesprochene Interview mit Doris Schröder-Köpf ist aus dem ZeitMagazin 47/2010:
http://www.zeit.de/2010/47/Doris-Schroeder-Koepf?page=2
Auf S. 6 oben geht es um die Scheinriesen. Leider nennt Sie keine weiteren Details.

nmr_psi

Re: Dauermotivationstief

Beitragvon nmr_psi » 16.01.2011, 23:33

Liebe Endlosschleife,

Deine psychischen Probleme sind unter Umständen so gross, dass Du sehr wohl "reif" für den Psychotherapeuten bist. Wahrscheinlich schon eher "überreif". Verstehe meinen Kommentar bitte nicht als Kritik/Anmassung, sondern als persönlcihe Erfahrung. Ich habe selber einmal zu lange gewartet und mich mit ähnlichen Argumenten selber davon abgehalten. Dahinter steckte aber eher die Gewissheit, dass ein Gespräch mit einem Therapeuten im Rahmen einer Therapie auch sehr unschöne, eher verdrängte, Erlebnisse wieder an die Oberfläche bringen kann. Zudem stellt sich ja nicht sofort eine "Heilung" ein. Es bedarf sehr viel Mitarbeit, jedoch lohnt sich dieser Gang ganz sicher. Wenn Depressionen erst einmal stärker geworden sind und sich manifestiert haben, können sie eine Person fast zerstören. In meinem akademischen Umfeld habe ich dies zweimal erleben müssen. Lass es bitte nicht soweit kommen.

Ignoriere auch zuerst Deine Gesamtzeit der Dissertation. Wenn Du bislang nur wenig Ferien genommen hast, mach es jetzt und bitte Deinen Hausarzt um eine entsprechende Überweisung.

Im Rahmen meiner Dissertation kamen auch an einem gewissen Punkt (aber eher noch in der Mitte) Depressionen auf (allerdings nicht ausgelöst durch akademische Probleme), dazu starke Schlafprobleme und einigen wenigen Angstattacken. Bereits das Gespräch für die Überweisung mit der Hausärztin hat sehr viel geholfen, weil sie mir von ihrer eigenen Erfahrung mit ihrer damaligen Doktorarbeit berichtet hat, während der sie auch psychische Probleme hatte. Sie hat sich aber auch viel Zeit für das Gespräch genommen und ich bin ihr heute noch sehr dankbar dafür. Mit Hilfe eines Therapeuten konnte ich dann die Schlafprobleme wieder in den Griff bekommen. Ein Hinweis war aber auf jeden Fall sehr wichtig: Einen guten Rhythmus mit etwas Sport, Kultur und Privatleben. Das habe ich seitdem jedenfalls versucht. Obschon ich nie sehr gerne Sport getrieben habe, reicht es wenigstens zweimal in der Woche zu einigen Bahnen im Schwimmbad und regelmässige Konzertbesuche. Das Schwimmen habe ich bewusst ausgesucht, da dann der Faktor des schlechten Wetter entfällt und man nicht zum Verschieben neigt. Ausserdem ist es bei dem vielen Sitzen sehr gesund für den Rücken. Mit der Zeit haben auch meine Kollegen angefangen zu akzeptieren, dass ich am "Konzerttag" eben bereits um 17 Uhr gehe - ein schlechtes Gewissen habe ich mir nie einreden lassen. Wir alle arbeiten mehr als genug - Du sicher auch.

Liebe Endlosschlaufe, ich hoffe, dass Du bald einen Termin bei einer Beratungsstelle vereinbarst und Deine Probleme bald in den Griff bekommst. Dabei ist, wie schon vorher geschrieben, ein erfülltes Privatleben sozusagen der essentielle Boden, auf dem dann die Wissenschaft wachsen kann. Ohne erfülltes Privatleben leidet auch mit der Zeit die Wissenschaft und dann hat man gar nichts mehr. Bitte vertrau dem Rat eines persönlichen Therapeuten. Das Internet kann und soll ihn nicht ersetzen, auch wenn der Austausch hier im Forum vielen Menschen sicherlich viel hilft. Aber alles hat seine Grenzen.

Noch einmal liebe Grüsse und eine gute Nacht,

nmr


Zurück zu „Arbeiten an der Dissertation (Archiv)“



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder