von Wierus am 03.09.2010, 11:50
Also ich war geschockt, als ich vor zwei Monaten eine ziemlich aktuelle Diss gefunden hab, die im Titel so ziemlich mein Thema zu sein schien. Als ich sie dann aber durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass das Thema (a) nur oberflächlich behandelt, (b) von meiner theoretischen Herangehensweise ganz verschieden bearbeitet und (c) an einem mir ungenügend erscheinenden Beispiel aufgezeigt wurde. Diese Diss verspricht mMn also sehr viel ohne es eigentlich einzuhalten. Nach Rücksprache mit meinem Prof ist das daher auch kein Problem, ich muss die Arbeit nur "verwerten"- also im Text explizit aufzeigen, was sie von meiner unterscheidet.
Wenn ich mir das genau überlege, sind fremde Diss die nahe am eigenen Thema liegen eigentlich etwas Positives: erstens zeigt das an, dass das bearbeitete Thema von größerem innerdisziplinärem Belang ist, zweitens ermöglicht es die Präzisierung bestimmter eigener Punkte.
Außerdem dürfte es heutzutage (v.a. in den GeistesWiss) ohnehin ziemlich schwer sein, eine völlig neue, einzigartige und bahnbrechende Diss ohne bestehende Vorarbeiten zu schreiben, d.h. man muss sich immer mit konkurrierenden Positionen rumschlagen.
Und noch etwas: man sollte sich natürlich immer sagen, dass man ja eine Dissertation schreibt und daher außerordentlichen Aufwand in Themenwahl und Durchführung betreiben muss. Das ist ohne Frage gut, aber man muss auch die Grenzen abschätzen können und sich ab einem Punkt irgendwann auch sagen: es ist "nur" eine Dissertation - eine wissenschaftliche Qualifikationsarbeit, kein Geniestreich, kein Opus Magnum eines Lehrstuhlinhabers.
Solange es daher offensichtlich ist, dass die Diss aus eigenem Antrieb, mit eigener wiss. Zielsetzung und mit eigenen Ideen angefertigt wurde, dürfte einem nicht gleich der Kopf abgerissen werden, wenn es eine oder mehrere Diss mit gleicher Zielrichting gibt.
Wissenschaft ist wesentlich auch Diskussion - und zu Diskussionen gehört immer mehr als nur ein einziger Beitrag.