Wie wichtig ist der Schreibstil?

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Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon roggentoast am 13.07.2010, 13:02

Hallo liebe Forengemeinde!

Da ich mich gerade ein wenig mit dem Thema beschäftige, wie wichtig der Schreibstil einer wissenschaftlich-orientierten Arbeit ist, würde ich hier gerne mal eure Meinung wissen.
Ich bin der Meinung, dass eine Diss oder eine Dipl-Arbeit, trotz wissenschaftlichem Background, auch so geschrieben sein kann, dass ein Laie sie ohne weiteres lesen kann ohne eine nasse Stirn zu bekommen, weil er sich in einem Satz verhaspelt oder verloren hat.

Das bestimmte Dinge nicht immer einfach ausgedrückt werden können, ist klar. Je schwerer die Wörter eines Satzes, desto schwieriger wird das Verständnis. Dabei wäre die Frage, muss ein Text, der sowieso schon ein schwieriges Thema aufweist auch schwierig und komplex geschrieben sein?

Mich würde hier einfach mal interessieren, wie ihr das so seht und ob ihr vllt Möglichkeiten kennt einen Text "einfach" zu halten? Und vllt wisst ihr zufällig Programme, die in diese Richtung abzielen. (weil es doch viele Dinge gibt, die Texte unnötig verkomplizieren und die der Nicht-Sprachwissenschaftler einfach nicht im Kopf haben kann :D)
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon holladiewaldfee am 13.07.2010, 13:27

Hei,
muss ein Text, der sowieso schon ein schwieriges Thema aufweist auch schwierig und komplex geschrieben sein?

Wissenschaftlich ist nicht gleich kompliziert. Manche Leute meinen, sich moeglichst hochtrabend ausdruecken zu muessen, Saetze ueber 20 Zeilen zu schreiben, mit 50 Nebensaetzen, denn Nebensaetze sind ja toll, woll, und letzteres ist ja wichtig und ueberhaupt muss man ja auch noch ein paar Modewoerter einbauen, und jetzt kommen wir doch mal zurueck zum eigentlichen Punkt, wobei, 10 Fremdwoerter muessen auch noch rein, moeglichst welche, die keiner kennt, ... und nennen das dann "wissenschaftlich" ;-) Hallo?
ob ihr vllt Möglichkeiten kennt einen Text "einfach" zu halten?

Ich habe dazu ein geniales Drei-Tage-Seminar besucht, wo es genau um das Thema ging. "Effective life-science writing in English", gehalten von der "The John Kirkman Communication Consultancy". Das dazugehoerige Buch: Good Style (Link zu Amazon.de) .
Du schreibst wahrscheinlich auf Deutsch? Da wird es aehnliche Buecher geben. Kann so einen Kurs aber absolut empfehlen - wie die uns da die Texte zerpflueckt haben (zu Recht!), war schon beeindruckend. Lustig war auch, dass die Mehrzahl von uns beim Vergleich zweier Abstracts das als "wissenschaftlicher" bewertet haben, das komplizierter klang (mich eingeschlossen :oops: ). Dabei haben wir ueberhaupt nichts verstanden ;-) Echt, die drei Tage haben mir die Augen geoeffnet und meinen Schreibstil beeinflusst. Also: So einfach wie moeglich, so kompliziert wie noetig!

Zur eigentlichen Frage, wie "wichtig" der Schreibstil ist: Ich glaube, fuer die "Bewertung" Deiner Diss ist er nicht so wichtig. Wenn Du allerdings moechtest, dass andere etwas mit Deinem Geschreibsel anfangen koennen/wollen, dann schon. (Das ist aber nur meine persoenliche Meinung.)

Viel Erfolg beim Schreiben ;-)

holladiewaldfee!

EDIT: Was man in so nem Schreibstil-Seminar z.B. lernt:
(1) Preparing to write readably. Developing the appropriate attitude; writing in a way that is accurate and readable, and brings
credibility and esteem; reading as ‘language-processing’.

(2) Getting off to a good start. Form and style for titles and abstracts.

(3) Making language-processing as easy as possible. Delivering information in manageable sentences; considering accuracy, information load, readability, and tone; avoiding excessive ‘pre-modification’.

(4) Choosing words wisely (1). Creating ‘comfortable’ text by careful mixing of special terms and ‘plain English’.

(5) Providing orientation and focus for your readers.
Form and content for introductions and conclusions.

(6) Choosing words wisely (2). Avoiding ‘roundabout’ phrasing and excessive ‘nominalisation’ (for example, choosing reducing
instead of achieving a reduction).

(7) The heart of the matter — verbs. Stating what you did and what happened, not what was performed and what was observed to have occurred.

(8) Points on punctuation. Using punctuation marks as skilfully as you use intonation, pace, and stress in speech.

(9) avoiding ‘fashionable’ words.


Edit Sebastian:
Link gegen Amazonlink ausgetauscht :wink:
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon Mathilda am 13.07.2010, 14:03

Hallo,

ein Klassiker zu dem Thema ist (glaube ich :wink: ) "Deutsch für Profis". Habe das auch, und zumindest so einige Dinge habe ich mir hinter die Ohren geschrieben (z.B. möglichst das Wort mit weniger Silben nehmen, wenn man sich zwischen mehreren Wörtern entscheiden kann >> "nur" statt "lediglich" usw.).

Mein DV ist jemand, der sehr auf den Schreibstil achtet und gewisse Vorlieben hat, z.B. kurze Sätze (v.a. keine langen Verschachtelungen), wenig Anglizismen, wenig Fremdwörter (außer, es handelt sich um Fachsprache, s.u.), wenig Substantivitis, wenige Passiv-Konstruktionen. Dass wissenschaftliche Arbeiten sprachlich "kompliziert" sein müssen, finde ich überhaupt nicht, denn wer was zu sagen hat, kann das auch präzise und gut verständlich tun. Was ich allerdings schon denke: Fachsprache sollte/muss man nutzen - das mag dann für einen Laien möglicherweise etwas schwieriger verständlich sein, aber es ist ja auch (zunächst) nicht für Laien geschrieben.

Schönen Gruß
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon Laplace am 13.07.2010, 14:14

Dem kann ich mich nur anschliessen. Kurz, knapp, präzise ist super. Nur den Anspruch "das muss jeder verstehen können" kann man oft nicht durchhalten. In theoretischen Arbeiten mit vielen Formeln wird dem Laien der Spaß schnell vergehen... und gerade Formeln, wenn man sie anständig hinschreibt können sehr, sehr präzise sein.
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon nK am 13.07.2010, 14:28

roggentoast hat geschrieben:Dabei wäre die Frage, muss ein Text, der sowieso schon ein schwieriges Thema aufweist auch schwierig und komplex geschrieben sein?


Ist die Frage ernst gemeint?

Selbstverständlich müssen wissenschaftliche Texte nicht kompliziert geschrieben sein. Wird das von irgendwem behauptet?!? Das Problem ist nur, dass es nicht jedem leicht fällt, sich auch in einfacher und prägnanter (=guter) Sprache präzise auszudrücken. Ich habe mal gehört, dass Kant nur deshalb so verschwurbelt geschrieben hat, weil er Angst hatte, missverstanden zu werden...

Ein Tipp von mir zur Umsetzung wäre, zu versuchen, sich beim Schreiben vorzustellen, dass Du auf der anderen Seite Deines Tisches jemanden sitzen hast, dem Du Deine Erkenntnisse erklären möchtest. Welche Worte würdest Du wählen? Wären die nicht auch für Deinen Text ein guter Anfang? Schriftsprache ist geschliffener als mündliche Sprache. Aber man sollte nicht zu viel wegschleifen.
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon Angara am 13.07.2010, 14:48

Obwohl ich den Vorschreibern im wesentlichen Recht gebe, bringe ich mich mal als Gegengewicht ein: Einfach schreiben ist gut, aber Du solltest es nicht dahin bringen, daß Du aus Gründen der Einfachheit die wissenschaftliche Akkuratesse aufgibst. Wissenschaftliche Texte sind nunmal terminologiezentriert und daher kann ich dieser Feststellung von Dir nicht ganz folgen:

Das bestimmte Dinge nicht immer einfach ausgedrückt werden können, ist klar. Je schwerer die Wörter eines Satzes, desto schwieriger wird das Verständnis.


Wenn Deine Wissenschaft für einen bestimmten Sachverhalt ein Fremdwort verwendet, für den die Umgangssprache einen anderen Ausdruck kennt, dann nimmst Du natürlich das Fremdwort, das in Deiner Wissenschaft genutzt wird. Für die Leute in Deinem Fachbereich macht die verwendete Fachterminologie nämlich das Lesen einfacher und nicht schwieriger, weil die sich dann darauf verlassen können (sollten), daß Du mit dem jeweiligen Terminus einen ganz klar abgegrenzten Sachverhalt bezeichnest. Wenn Du einen "vereinfachten" Ausdruck verwendest, ist das nicht so sicher.

Sowieso kommt die "Schwierigkeit" in einen Text selten durch allein durch die Wortwahl zustande - da gibts ganz andere Methoden, Deinen Text unleserlich zu gestalten: Elend lange Sätze, undurchsichtige Struktur, Behandeln eines Sachverhaltes in nicht zusammenhängenden Abschnitten, Verlegung für den Fließtext relevanter Informationen in Fußnoten, etc.

Im Zweifel steht die wissenschaftliche Genauigkeit vor der Allgemeinverständlichkeit. Die wird bei einer Dissertation sowieso selten außerhalb Deines Fachbereiches gegeben sein.
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon roggentoast am 13.07.2010, 16:15

nK hat geschrieben:
roggentoast hat geschrieben:Dabei wäre die Frage, muss ein Text, der sowieso schon ein schwieriges Thema aufweist auch schwierig und komplex geschrieben sein?


Ist die Frage ernst gemeint?


Ne ne, war nicht wirklich ernst gemeint als Frage. Das war nur theoretisch mal in den Raum gestellt. Gibt ja sicher auch Leute, die eben das Problem haben, bzw. wie weiter oben schon geschrieben, den "Höhenflug" haben, möglichst komplex zu schreiben. Ob das nun einen Eindruck überdurchschnittlicher Kompetenz erweckt, sei mal dahingestellt.

Aber für den Leser allgemein - in diesem Fall der DV - ob in der Materie oder nicht, ist es doch an und für sich leichter die "Essenz" der Arbeit zu erfassen, wenn diese mit einem guten Schreibstil verfasst wurde. Also generell die stilistisch-komplexen Sätze Probleme bereiten.

Ihr dürft mich auch nicht falsch verstehen. Ich möchte keinen an den Karren fahren und sagen, dass zur Zeit alle, die an ihrer Diss arbeiten das Schreiben nicht drauf haben - ganz im Gegenteil. ;)
Aber mich hat halt die allgemeine Forenmeinung zu dem Thema brennend interessiert.

Edit:
Wenn Deine Wissenschaft für einen bestimmten Sachverhalt ein Fremdwort verwendet, für den die Umgangssprache einen anderen Ausdruck kennt, dann nimmst Du natürlich das Fremdwort, das in Deiner Wissenschaft genutzt wird. Für die Leute in Deinem Fachbereich macht die verwendete Fachterminologie nämlich das Lesen einfacher und nicht schwieriger, weil die sich dann darauf verlassen können (sollten), daß Du mit dem jeweiligen Terminus einen ganz klar abgegrenzten Sachverhalt bezeichnest. Wenn Du einen "vereinfachten" Ausdruck verwendest, ist das nicht so sicher.


Ich hatte damit eigentlich nicht sagen wollen, dass auch die wissenschaftlichen Begriffe/Fremdwörter vereinfacht werden sollten, sondern nur das "Gerüst" drumherum. Also ein klares Ja zu wissenschaftsspezifischen Begriffen - ohne diese gehts auch einfach nicht. Aber wie sie eingebettet sind, das halte ich für sehr wichtig.
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon holladiewaldfee am 13.07.2010, 16:21

@Roggentoast: Ich finde die Frage berechtigt, denn mehr als 50% der Doktoranden würden den (künstlich) "komplexeren" Text als "wissenschaftlicher" betrachten (siehe der Test im Seminar).

Der Punkt hier ist auch wichtig:
Für die Leute in Deinem Fachbereich macht die verwendete Fachterminologie nämlich das Lesen einfacher und nicht schwieriger, weil die sich dann darauf verlassen können (sollten), daß Du mit dem jeweiligen Terminus einen ganz klar abgegrenzten Sachverhalt bezeichnest.

Bestimmte Fachwörter (ich schreibe bewusst nicht: Fremdwörter) gehören in einen wissenschaftlichen Text rein. Man kann bei einer Diss oder einem Paper davon ausgehen, dass der Leser zumindest einige Vorkenntnisse hat. "Vereinfachungen" würden den Leser dann verwirren.

Aber @Angara: Wenn ich Dein Posting so lese (und ich musste es im Gegensatz zu den Vorgängerpostings zweimal lesen ;-) ), dann finde ich es "unnötig kompliziert". Genau das Phänomen, was ich oben beschrieben habe! ;-) Warum schreibst Du "Akkuratesse" statt "Genauigkeit", nur als Beispiel? Das ist NICHT böse gemeint (und auch nicht als Kritik an Deinem Schreibstil. Ich bin absoluter Freund der deutschen Sprache und genieße es, wenn Leute schön schreiben und Nebensätze verwenden)!

Selbst neige ich zum Verwenden von "In-"Wörtern. Man ertappt sich oft dabei, wie man gerade wieder einen stylischen Satz aufs Papier gebracht hat, der sich toll anhört und wenig aussagt. Das mag ja in Bewerbungsanschreiben klappen,... ;-)

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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon Angara am 13.07.2010, 18:45

holladiewaldfee hat geschrieben:Aber @Angara: Wenn ich Dein Posting so lese (und ich musste es im Gegensatz zu den Vorgängerpostings zweimal lesen ;-) ), dann finde ich es "unnötig kompliziert". Genau das Phänomen, was ich oben beschrieben habe! ;-) Warum schreibst Du "Akkuratesse" statt "Genauigkeit", nur als Beispiel? Das ist NICHT böse gemeint (und auch nicht als Kritik an Deinem Schreibstil. Ich bin absoluter Freund der deutschen Sprache und genieße es, wenn Leute schön schreiben und Nebensätze verwenden)!

In diesem Fall habe ich "Akkuratesse" geschrieben, weil ich das Wort "Genauigkeit" weiter unten verwenden und mich nicht wiederholen wollte. :wink: Übrigens wollte ich mich hier nicht als Musterbeispiel für guten Stil anbieten, ich weiß, daß ich manchmal unnötig schwer zu lesen bin und es kostet mich bei der Überarbeitung meiner Texte leider oft viel Zeit, bis die flüssig zu lesen sind. Ich wollte nur davor warnen, in Übervereinfachung zu verfallen.
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Re: Wie wichtig ist der Schreibstil?

Beitragvon holladiewaldfee am 13.07.2010, 23:14

Passt schon ;-) Dein Punkt war ja auch wichtig. Was soll ich in einem Informatik-Paper "Berechnungsvorschrift" schreiben, da fragt sich jeder "Häh? Meint die nen Algorithmus oder was?" Auch auf die Gefahr hin, dass vielleicht ein Fachfremder nicht genau sagen kann, was ein Algorithmus ist, das Wort gehört hier hin - und SO fachfremde Leute würden meinen Senf eh nicht lesen (wollen).

Übrigens auch interessant: In dem Seminar waren alle, inkl. ich - und so wie Du - der Meinung, dass man Wiederholungen vermeiden sollte. Oft bricht man sich einen ab, bis man für ein und dieselbe Sache vier Begriffe gefunden hat ;-) Aber manchmal klingen Wiederholungen gar nicht so schlimm. Und bei Dir wären sowieso noch einige Sätze Sicherheitsabstand dagewesen :lol:
Ich finde Deinen Stil übrigens schon ganz cool, das als Kompliment (mir war's auch nur aufgefallen, weil ich Dein Posting nicht im gleichen Tempo lesen konnte wie die Vorgängerpostings ;-) ). Bis ich einen Text so ausformuliert habe, dass er verständlich und flüssig zu lesen ist, vergehen auch Tage. Das wird den meisten hier so gehen!

Gute Nacht,

holladiewaldfee!

P.S. Ich bin übrigens gleich in Panik verfallen, ob Akkuratesse mehr aussagt als nur "Genauigkeit", und hab's erstmal nachgeschlagen :lol:
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