Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Fragen aus der laufenden Arbeit an der Dissertation.
Literatursuche, Motivationsprobleme, Lehrtätigkeit, Ärger mit dem Prof u.v.m.
  • Anzeige

Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Beitragvon smaaaaa am 20.10.2009, 17:04

Hallo Promovierende,

ich schreibe seit einem guten halben Jahr an einer historisch-medienwissenschaftlichen Dissertation.

ich muss dazu sagen, dass ich Journalist bin und quasi täglich mit Zitaten zu tun habe, auch wenn diese journalistisch völlig anders zu handhaben sind. Zumindest gibt es im Journalismus klare Regeln, in der Wissenschaft bezüglich der Formalitäten direkter Zitate ebenso. Ich tue mich sehr schwer mit indirekten Zitaten und vermeide sie, wo ich kann.

Ich lese auch äußerst ungerne Arbeiten, in denen in jedem zweiten Absatz vgl XY steht und ich nicht mehr auseinander dividieren kann, was genau ich jetzt vergleichen soll und was nun Gedankengut des Verfassers ist. Auch hinsichtlich der eigenen Zitierbarkeit, finde ich das sehr ungünstig. Von der flüssigen Lesbarkeit sowieso.

Ich möchte irgendwie sicher gehen, dass sich meine eigenen Interpretationen und Erklärungsansätze nicht mit denen fremder Autoren vermischen. Daher schreibe ich frei und beziehe mich durch eingebundene, direkte Zitate auf fremde Autoren. Etwa: XY schreibt 1970 dazu: "....", daraus lässt schlussfolgern, dass ..

Wenn ich indirekte Zitate benutze, bleibe ich strikt im Konjunktiv, so dass ich so den Abschnitt dem jeweiligen Autor zuordnen kann.

Ich möchte es einfach nicht einsehen, eigene Schlussfolgerungen oder Erklärungen mit einem Vgl. zu versehen, nur weil sich ein anderer Autor ähnlich geäußert hat.

Dazu noch folgende Frage:

Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, ist das erste was ich tue: Recherchieren. Ich ziehe Lexika heran, schaue Filme, lese Fachzeitschriften. Daraus entwickelt sich irgendwann ein Verständnis für das Thema und eine konkrete Vorstellung eines Sachverhaltes, zu dem ich mir ein eigenes Urteil bilde und das ich in der Lage bin zu formulieren und eigens zu definieren.

Es lässt sich nunmal nicht vermeiden, dass ich bei meiner eigenen Urteilsbildung von fremden Autoren beeinflusst bin. Aber wo ist nun mein geistiges Eigentum und wo verletze ich das jemand anderem?

Ich kann doch nicht zu allem, was ich schreibe, Vgl. auch Autoren A, B, C, D, E usw.anführen, nur weil ich sie zur Vorbereitung auf meine Erörterung gelesen habe.

Also, ist es korrekt, was ich mache? Zu meinen eigenen Folgerungen gehe ich im Rahmen eingebundener direkter Zitate auf die Forschungen anderer Autoren ein, die sich mit dem Sachverhalt beschäftigt haben und auf die ich mich stütze. Hier kann ich aber klar trennen. Oder ich wähle konjunktivistische Paraphrasen mit Vgl. oder setze, wenn ich es für nötig halte ein Vgl. für "further reading".

Was haltet Ihr davon?
ist es darüber hinaus passabel, seinen eigenen Zitierstil zu entwickeln? Meines Erachtens, gibt es außer den formalen Kriterien, keine konkreten Richtlinien, wann, wo und wie oft man zitieren sollte. :dr)
smaaaaa
 
... ist nicht mehr dabei.
Danke gegeben: 7
Danke bekommen: 30 mal in 30 Posts

Anzeige

Re: Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Beitragvon Mathilda am 21.10.2009, 09:28

Hallo smaaaaa,

vorweg: Ich finde es äußerst schwierig, auf Deine Frage zu antworten, weil ich nicht weiß, wie viel Kreativität bei "Euch" in Ordnung ist.

Ich lese auch ungern Arbeiten, wo an jedem zweiten Satz "vgl." steht - aber so ist das eben in der Wissenschaft. Es kommt sicher auch auf das spezielle Kapitel an, aber ich habe durchaus Abschnitte, wo an jedem Satz ein "vgl" steht oder ein "siehe hierzu insb. die Arbeiten von..." oder sonst was. Nun weiß ich ja nicht, wie Deine Arbeit aufgebaut ist - aber ich vermute mal, es wird ein Stand-der-Forschung-Kapitel geben, wie eigentlich immer :wink: Da ist es ja nun mal völlig normal, dass alles vollgepflastert ist mit vgl, denn schließlich gibt man einen Überblick über bereits vorliegende Erkenntnisse. In "meinem" empirischen Teil nimmt das dann natürlich deutlich ab, denn der ist ja auf meinem Mist gewachsen. Deshalb glaube ich, man kann das einfach so pauschal nicht sagen, aber: Diese Form der Zitation mit "vgl" ist einfach ganz normal in der Wissenschaft. Ich wäre sehr vorsichtig damit, das sehr schlank zu halten; im übelsten Fall handelst Du Dir damit den Vorwurf eines Plagiates ein oder den, nicht sauber genug recherchiert zu haben.

Also, ist es korrekt, was ich mache? Zu meinen eigenen Folgerungen gehe ich im Rahmen eingebundener direkter Zitate auf die Forschungen anderer Autoren ein, die sich mit dem Sachverhalt beschäftigt haben und auf die ich mich stütze. Hier kann ich aber klar trennen. Oder ich wähle konjunktivistische Paraphrasen mit Vgl. oder setze, wenn ich es für nötig halte ein Vgl. für "further reading".


Ganz ehrlich: Bei uns ginge das so definitiv nicht. Ich denke aber, das ist (auch) DV-abhängig. Erstens sollen direkte Zitate nur im "Notfall" genutzt werden, nämlich dann, wenn man den wortwörtlichen Ausdruck diskutieren möchte (z.B., wenn man verschiedene Definitionen eines Begriffs diskutiert und hinterher seine eigene herleitet). Zweitens ist das Nutzen des Konjunktivs bei "uns" absolutes No-Go. Mag aber Geschmackssache des DVs zu sein; der haut uns schon um die Ohren, wenn wir in einer läppischen internen E-Mail den "höflichen" Konjunktiv benutzen (Könnten Sie... Wäre es möglich, dass...).

Fazit: Wie geht Dein DV mit der Zitation um? Wie sehen alte Arbeiten aus, die bei dem DV veröffentlicht wurden? Ich glaube, für die Diss muss man den eigenen Wunsch etwas zurückstellen. Ich finde z.B. auch viele wissenschafts-typische Formulierungsarten doof, aber sie müssen nun mal sein (z.B. die Vermeidung der 1.Person Singular... auch sehr unpraktisch).

Schöne Grüße
Mathilda
Benutzeravatar
Mathilda
Fach: BWL
Status: pre Dispu
Frau
 
Beiträge: 2237
Registriert: 06.04.2007
Wohnort: NRW
Danke gegeben: 138
Danke bekommen: 323 mal in 291 Posts

Re: Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Beitragvon smaaaaa am 21.10.2009, 15:39

Danke, Mathilda ;-)

Nach langem Hin und Her habe ich mich jetzt einfach entscheiden, es so zumachen, wie ich es für richtig halte!

Werde mal zusehen, dass ich noch ein paar indirekte Zitate einbaue. Es funktioniert halt oft nicht, da ich viel mit Definitionen arbeite und da macht es einfach keinen Sinn nd ich brauche den Wortlaut.

Ich benutze den Konjunktiv ja gerade deswegen, um mich abzugrenzen. Ausserdem wird mir das als Journalist nicht auzumerzen sein.
Mein DV lässt mir, gerade literarisch viele Freiheiten, also da habe ich eher keine Bedenken.

ich lasse mich ungerne in sprachlich- wissenschaftliche Schemata pressen. Denn so einige Arbeiten, die ich gelesen habe erschrecken mich wirklich.Man merkt den Autoren an, dass sie krampfhaft versucht haben "wissenschaftlich" zu klingen. Ganz viele fürchterliche Neu-Komposita aus lateinischen und griechischen Wörtern, dazu schrecklich verschachtelte Sätze. Einigen fehlt hier wohl das Spracverständnis. Ich möchte, dass meine Arbeit, gerade weil es ein sehr modernes Thema ist, auch von Nichtwissenschaftlern gelesen werden kann. Deswegen versuche ich, was das Sprachliche betrifft, das Ganze gut lesbar zu machen.
Es gibt viele junge Wissenschaftler, die das ein wenig revolutionieren.Zwischendurch habe ich auch viele locker geschriebene Arbeiten gelesen, die mir imponieren. Die 1.Person gefällt mir an sich auch ganz gut, auch da habe ich Bücher gelesen.

Ich denke, für gerade für einen empirischen Teil, ist das eine gute Methode und macht die Arbeit nachvolziehbarer.
smaaaaa
 
... ist nicht mehr dabei.
Danke gegeben: 7
Danke bekommen: 30 mal in 30 Posts

Re: Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Beitragvon Mathilda am 21.10.2009, 16:24

Hi smaaaaa,

prima

:)

Wenn der DV in dieser Hinsicht innovativ ist, finde ich es super, die eigene Sache durchzuziehen.

Eins fällt mir aber noch ein, zum Thema Konjunktiv. Ich denke, es kommt auch auf den Inhalt an. Wenn Du z.B. Meinungen wiedergibst oder Interpretationen, ist es was anders, als wenn Du wiss. Erkenntnisse wiedergibst: "xyz konnte belegen, dass Männer weniger gern Schuhe einkaufen als Frauen" vs. "xyz zieht daraus den Schluss, Männer seien weniger eitle Menschen" - das ist ja ein Unterschied. In meiner Arbeit ist das meiste an indirekten Zitaten von der ersten Sorte :wink: Vielleicht gibts bei Dir mehr von der zweiten Sorte? [Da benutze ich dann übrigens auch den Konjunktiv. V.a., wenn ich die Interpretation Bulls**t finde :) ]

Schöne Grüße
Mathilda
Benutzeravatar
Mathilda
Fach: BWL
Status: pre Dispu
Frau
 
Beiträge: 2237
Registriert: 06.04.2007
Wohnort: NRW
Danke gegeben: 138
Danke bekommen: 323 mal in 291 Posts

Anzeige

Re: Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Beitragvon smaaaaa am 21.10.2009, 18:32

Mathilda,

das sehe ich genauso. Wobei bei mir thematisch bedingt, konjunktivistische Interpretationen mehr zum Tragen kommen als fundierte Erkenntnisse. Ganz einfach, da meine Arbeit sich auf zwei abstrakte Begriffe stützt, die bisher keine allgemeingültige Erkenntis hervorgebracht haben.


Ich tue mein Bestes, um das zu ändern und freue mich, wenn der Konjunktiv in Zukunft beim Zitieren meiner Arbeit ausbleibt! :lol:

Ausbleiben würde (!) natürlich ;-)
smaaaaa
 
... ist nicht mehr dabei.
Danke gegeben: 7
Danke bekommen: 30 mal in 30 Posts

Re: Eigenes Gedankengut versus indirektes Zitat. Zitierstile

Beitragvon musicus am 26.10.2009, 08:29

Ich finde einen persönlichen Stil sehr gut und würde dich bestärken, das so fortzusetzen. Wissenschaft soll ja auch das, was sie tut, vermittlen, und zwar an interessierte Laien, von daher ist der typisch deutsche, sich abgrenzende und ausufernde Schreibstil wirklich out. Ich schreibe auch in "Ich"-Form, etwas anderes kommt für mich gar nicht in Frage. Ich bringe aber auch ein bißchen Wissenschaftskritik, darum paßt das wieder, und ich versuche nicht, meine Ergebnisse als der "Stein der Weisen" zu verkaufen, sondern als subjektive Interpretationen.

Lesetip in dem Zusammenhang immer der noch heute gültige Text von Wolf Wagner: "Uni-Angst und Uni-Bluff" aus den 70ern.
musicus
Status: 290 Seiten roh
Mann
 
Beiträge: 416
Registriert: 21.02.2009
Danke gegeben: 13
Danke bekommen: 36 mal in 36 Posts


  • Vielleicht sind diese Themen ähnlich:

    Antworten
    Zugriffe
    Autor

  • Anzeige

Zurück zu Arbeiten an der Dissertation (Archiv)



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder